Wie ich meine Doktorarbeit klaute - Blogeintrag German next Bundeskabinett / Minister für Copy & Pas

kampmann schreibt: April 27, 2011 um 12:39 am Exelenzen, Frau Bundeskanzlerin, mein Lebenslauf ist etwas durcheinander geraten. Ich suche ein gesichertes Einkommen und einen strukturierten Tagesablauf und möchte mich als Minister für Copy und Paste bewerben. Meine Befähigung für das Amt steht für mich außer Zweifel, gerne möchte ich auch Sie überzeugen, mit mir gemeinsam und mit Ihnen die Zukunft unseres Landes zu gestalten. Ich spreche meine Überzeugungen offen aus. Der Massstab meines handelns ist Weiterbildung. Acht Jahre Schule hatten mir gelangt. Meine Lehre als Metzger brach ich nach zwei Jahren ab. Ich hatte es nicht mehr ertragen können, arme Schweine umzubringen. Zuerst überlegte ich, Nachfolger des Nebelmörders von Soho zu werden, immerhin wäre ich ohne großen Arbeitsaufwand damit berühmt geworden, nur hätte ich dann unerkannt im Untergrund leben müssen oder eingesperrt im Knast. Beides konnte mich nicht befriedigen. Ich wollte berühmt, anerkannt und reich werden und dann las ich von copy and paste. Erst dachte ich, das das eine englische Kopie eines italienischen Menüs sei, bis ich erkannte, was damit gemeint war. Ich setzte mich an meinen PC und warf das Netz nach Thailand aus. Bum Ki Mun, es dauerte nicht lange und ich hatte einen dicken Fisch an der Angel. Hatte ich die drei Worte Bum Ki Mun erfunden und gedacht, das könnte Thailändisch sein, so fragte mich Google ob ich Ban Ki-moon meinen würde. Ich schaltete sofort um und bummmm, da hatte ich ihn, in koreanischem Alphabet, mit chinesischen Schriftzeichen, in revidierter Romanisierung als Ban Gi-mun dazu auch noch als Pan Kimun. Klar, daraus konnte ich was machen. Eigentlich stand schon alles bei Wikipedia. Ich musste nur kleine Änderungen hinzufügen. Der erste Satz war: „Ban studierte an der Staatlichen Universität Seoul und erhielt 1970 den Bachelor-Grad in International Relations.“ Ich merkte sofort, das macht mir Freude. Ich begann an meiner Doktorarbeit zu schreiben und lies den ersten Satz wie folgt erscheinen: “ Der junge Ban bewies sich als fleißiger Schüler und fand Gefallen daran, die Staatliche Universität Seoul von innen zu besuchen wo er 1970 Jahre nach Christus das Diplom erhielt, mit dem er sich in militärische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen anderer Länder einmischen konnte, damit legte er den Grundstein um Präsident der Vereinten Nationen zu werden.“ Schon meine ersten Sätze gefielen mir. Das war ein vorzeigbarer Ansatz, nicht einfach Multiple-Choice oder Richtig-Falsch Antworten, nein, das waren Sätze, geschliffen, gefeilt und gedrechselt. Mit Bescheidenheit konnte ich feststellen, ich beherrschte das wissenschaftliche Handwerk. Noch bin ich nicht beim letzten Satz meiner Doktorarbeit über Ban Ki Moon angelangt, aber wenn ich irgendwo auf einer Party herumstehen und so ganz nebenbei erwähne, das ich an meiner Doktorarbeit schreibe, so hört sich das doch schon gut an. Auf jede Fall bin ich damit, pragmatisch gesehen, schon quasi ein Dr. medium, so wie ein Filet medium im Restaurant, noch nicht ganz durch aber doch halb fertig. Die Verbindung zur Medizin ist auch schon in der Nähe, immerhin habe ich zwei Jahre als Metzger gelernt, das Grundlagenstudium habe ich damit hinter mir. Frau Baronin machen Sie bitte den Oberkörper frei, ich möchte mir einmal ihre Rippchen ansehen. Hört sich doch gut an – oder ? Hätte ich mein Leben auf der Uni verplempern sollen ? Quasinus, Impetus, Kosinus, mh…. Nussschokolade, ich werde darüber eine Physikarbeit schreiben, natürlich wissenschaftlich, wenn ich bei Google nachgeschaut habe was die Begriffe bedeuten. Inzwischen habe ich erfahren, das ich meine Arbeiten in Bayreuth Tonga Tonga einreichen kann. Na also, es geht doch. Für die Zukunft sehe ich nur ein Problem, der Platz auf meiner Visitenkarte wird knapp, eventuell muss ich auf das Format in der Größe eines Schuhkartons umsteigen. Lange wird es nicht mehr dauern und ich werde auf meiner Visitenkarte mehr Titel als Vornamen haben. Vielleicht mache ich es auch so wie mein Freund KT und schreibe nur UK.doctus philologus hominis litteratus Ich empfehle mich mit einem, küss die Hand Frau Bundeskanzlerin und einem Hallöchen an die Kabinetzrunde. Grüßchen aus Offenbach am Main, UK

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Bronxmusic - american stories

Uwe Kampmann
Buchrainweg 135
D - 63069) Offenbach



Exposé


Roter Faden ist die Reise eines jungen Mannes durch die USA, der auf einer Party leichtfertig äußert: "Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York." Niemand weiß, daß er außer Schulaufsätze und Postkarten bisher noch nichts geschrieben hat. Man beginnt sich um ihn zu reißen. Jeder will ein Teil in seiner Geschichte werden und so beginnt er zu schreiben.

Von New York führt die Reise in den Süden der USA, von dort nach Arizona durch die Wüste, nach San Francisco. Begegnungen am Straßenrand wachsen zu bewegten Geschichten. An manchen Orten verwandelt sich Traurigkeit zu schönster Musik, an anderen Stellen zerbricht die Seele im unendlichen Leid menschlicher Grausamkeit.



BRONXMUSIC
von
Uwe Kampmann


Beginn einer Reise durch die USA. American stories :
Ein Mann der in New York beginnt ein Schriftsteller
zu werden.



Lifestyle


New York ist eine Stadt, in der man vor Einsamkeit erfrieren kann, wobei es unwesentlich ist, zu welcher Jahreszeit man sich hier aufhält. Was heute hip, ist morgen ex, zwischendrin macht man hop, so gut man es kann, um mit dabei zu sein. Illusionen sind hier mehr als nur Träume. Am besten jung, nicht zu jung, aber alt genug sollte man sein und selber einige Dollar in den Taschen zu haben.
New York ist ein Ort wo "leben" jung sein heißt. Wem diese Philosophie nicht behagt, sollte dieser Stadt aus dem Weg gehen. Alt fühlt man sich hier, wenn einem die Joggingschuhe nicht mehr passen. Wer es sich leisten kann, verläßt bis dahin die Stadt, andernfalls sind die Chancen gut, in irgendeinem der fünf Stadtteile zu verkümmern welche die Größe europäischer Großstädte besitzen.
Die Arbeit und die Jagd nach dem Dollar und die Begeisterung für den Football bestimmen den Rhythmus der Stadt. Wichtig ist das Gefühl dabeizusein, wenn neue Namen genannt werden und einer es geschafft hat, aus dem Mainstream emporzusteigen, wenn neue Bilder die Kataloge der Galerien schmücken und ein neuer Sound die Musik belebt.
Man braucht eine Menge Eigenschaften, um mehr als nur zu überleben. Aktivität, dynamische Ellenbogen, Inspiration, experimentelle Ideen und dazu einen Ausdruck ewig währenden Glücks im Gesicht.
Alles ist hier nicht genug. Größe ist nur dazu da, um als immerwährende Herausforderung über sich hinauszuwachsen, ein ewiger Anreiz, dem Stillstand zu entgehen, Farben noch bunter zu gestalten, Grenzen bis hinter den Horizont zu verschieben.
Denen, die den Rhythmus dieser Stadt lieben, zu begegnen, ist kein Problem. Man muß ein bißchen hip und ein bißchen mehr noch hop sein. Um ihr Händeschütteln und ihre Einladungen zu erlangen, genügt es mir, auf ihre Frage: "How do you do ?", zu antworten: "Danke, ich habe Zeit und Geld."
Ich bin erst seit kurzer Zeit in New York.
Die Hälfte meiner Zeit verwende ich damit herumzulaufen, die Stadt und alles, was zu ihr gehört, kennenzulernen. Die andere Hälfte verbringe ich damit, einen Schlafplatz für die Nacht zu finden.
Mit meinen Finanzen verhält es sich ähnlich. Von dem, was mir für einen Tag zur Verfügung steht, und das ist nicht viel, verwende ich die eine Hälfte, um mich zu ernähren und mein Äußeres in Form zu halten, und die andere Hälfte gebe ich nicht aus. Somit streckt sich mein Geld, und mir bleibt Zeit, um ein weiteres Mal antworten zu können :"Thanks, I´ve got money and I´ve got time."
An manchen Tagen bekomme ich so viele Einladungen, daß ich weder Geld benötige, um mir etwas zu essen zu kaufen und mich genausowenig darum kümmern muß, wo ich die Nacht verbringe.
In dieser Stadt in der man mehr als woanders sagt :"Zeit ist Geld", hier wo alles big, funny und exciting ist, leiste ich es mir, das zu haben, worüber die wenigsten verfügen: ich besitze Zeit und Geld.
Inzwischen benötige ich einen Terminkalender, um keine Party zu verpassen. Meine Krawatten sind von Valentino, meine Schuhe von Gucci, den Namen meines Schneiders verrate ich nicht, und seitdem sich herumgesprochen hat, das ich Lagerfeld für eine Gruftmumie halte, sucht man meinen Rat.
Hier, wo ich verkehre, ist das Neue gefragt. Tollheit wird als Avantgarde gehandelt. Abgehoben vom Mainstream nennen wir uns Jetstream. Psychopillen schaffen Wohlbefinden. Wir genießen das Kribbeln in der Nase, wenn das Koks hält was es verspricht. Die Türen der Realität hinter uns zuschlagen läßt Träume zur Wirklichkeit werden. Einige von uns sind Profis an der Börse, andere betreiben Galerien, stets umgeben von einem Anhang bunter Clownerie.
Ich schmeichle ihnen, indem ich sage, die New Yorker Philharmonie sei das beste Orchester, das die Welt vorzuzeigen hat, und das Guggenheim Museum nicht zu überbieten.
Ich mache die Leistung anderer zum Teil meiner Gesprächspartner, so, als wäre alles ihr Besitz. Ich bewahre den Schein, verschenke ihn als Sein, gehe großzügig damit um, denn schließlich habe ich Zeit und Geld.
Irgendwann werde ich mich verabschieden. Diese Kitschfiguren der Moderne, dieses Elend und diese Armut hinter mir lassen und zurückgehen, dahin, wo ich alt werden will.

*

Gestern rief mich Marge an. Sie hatte mich unter der Telefonnummer von Toni und Ellen erwischt. Ich hatte am Pool gesessen als der Diener mit dem Telefon gekommen war.
"Keine Party, Marge ", hatte ich gesagt, "ich sitze hier an einer Geschichte. Na klar, du kommst auch darin vor. Verdammt, Marge, halt mir die Leute vom Leib."
Sie wollte mich unbedingt irgendwelchen Leuten vorstellen. Mein Argument, sie könne so nie einen Platz in der Geschichte finden, hatte sie überzeugt, mich heute in Ruhe zu lassen, schließlich schreibe ich meine Geschichten nicht im Stehen bei irgendeinem Cocktailempfang, sofern ich überhaupt etwas schreibe.
Beutehungrig, wie eine habgierige Meute von Bluthunden waren sie über mich hergefallen. Als wäre ich der erleuchtete Mittelpunkt ihres faden Alltags, heulten sie mir einem Rudel Wölfen gleich ständig in den Ohren. Fast schien es mir, sie nagten sie mir ab. Zur gleichen Familie gehörten diejenigen, die mich wie Schakale umschlichen. Ich spürte ihr Verlangen, sich mir zu nähern. Ein leicht dahingesagtes :"Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York ", war der Grund all dessen, was ich jetzt zu erleben bekam.
Hatte ich bisher meine Rolle beherrscht und meine Umgebung als harmlose Kulisse betrachtet, so hatte sich jetzt alles ins Gegenteil verkehrt. Aus den Kulissenwänden heraus schienen Hände nach mir zu greifen, mich festzuhalten, mich an sich zu ziehen, Stimmen, die mit ihrem Verlangen meine Ohren tamponierten und Zungen, die begannen, meine Schritte zu lenken.
Jeder wollte einen Teil, aber nur ein Teil von mir war nicht genug, schließlich war man in dieser Stadt, alles wollte man haben und das war noch zu wenig.

Die ersten vierzehn Tage, nachdem mir dieser eine Satz, "Ich schreibe ein Buch über New York" über die Lippen gekommen war, hatte ich bei Marge gelebt, in ihrer Villa, mit Chauffeur, Swimmingpool, eigenem Strand, verborgen hinter einem Dschungel aus Rhododendron, weit draußen auf East Long Island, sechzig Meilen östlich von Manhattan in den Hamptons.
Die Gegend ist hip.
Hampton gilt unter den Reichen als das schönste Dorf der USA. Man ist hier unter sich. Wer sich betrinken will, fährt rüber nach Bridgehampton zu Bobby Vans Restaurant. Die Krankenschwestern ein Stück weiter im Southhampton Hospital kennen sich aus. Die Ausnüchterungszellen heißen dort medizinische Ferienwohnungen, in denen sich Schauspieler, Verleger und die poeple der New Upperclass treffen.
Die Hamptons sind vermögenstechnisch eine Verlängerung der Wallstreet, nur schöner, heller, duftiger und im Trend. Trendy ist, wer hier ein Haus besitzt.
Geld ist hier nicht der Rede wert.
Marge hatte mich hierhergeholt, damit ich schreiben sollte. Jeden Tag sollte ich ihr etwas Neues vorlesen. Mein Problem war nur, bisher hatte ich kaum geschrieben, außer gelegentliche Postkarten.
Der Satz "Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York", hatte mich völlig aus meiner Bahn geworfen.
Bevor ich dazu kam, einen Satz zu Papier zu bringen, hatte mir Marge gezeigt, wie sehr sie mich mochte.
Marge war gleich in der ersten Nacht gekommen. Gierig hatten wir unsere tropische Hitze geatmet. Ihre glasigen, grünen Augen hatten durstig nach mehr verlangt. Wie ein aufgewühlter Ozean hatte sie auf mir gesessen. Ich hatte es mit ihr aufgenommen, und wir versanken in der Flut. Erschöpft fielen wir in den Schlaf, um beim Erwachen gleichermaßen zu beginnen.
Marge war auch hier ein Stück New York. Viel war nicht genug, und alles war zu wenig, es mußte mehr sein. Unaufhörlich hatten wir Worte geflüstert, Berührungen gewechselt und uns angeschaut.
Ich verspürte Gefühle wie im Aufzug des World Trade Center. Im Aufzug hinauf und hinunter zujagen, fünfhundert Meter in der Minute. Es legte sich flach auf den Magen und prallte bis hinunter in die Knie, flog das Rückgrad hinauf und erschien wie ein riesiger Kreis im Kopf und schien dabei fast sanft die Haut zu zerfetzen. Ich ratterte wie ein Dampfhammer, während über ihr Gesicht ein Lächeln flog, das Wangen und Nasenflügel erzittern ließ.
Vierzehn Tage hatte ich es ausgehalten. Keine einzige Zeile hatte ich zu Papier gebracht. Marge hatte mich deswegen angeschrien. Den Rest hatte sie mir mit dem Verlangen gegeben, zitronengelbe Hosen und weiße Schuhe zu tragen. Jeder, der in den Hamptons zur Gesellschaft gehörte, trug dieses Zeug in diesen Farben. Als Marge darauf bestand, daß auch ich so herumzulaufen hätte, vernichtete ich die Hose und die Schuhe mit einem Messer. Ich hasse es, uniformiert zu werden.
Ich blieb noch zwei Tage, merkte aber, daß ich unter solchen Voraussetzungen nicht schreiben konnte, und ich wollte schreiben. Schließlich war ich der Mann gewesen, der gesagt hatte: "Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York", und dazu gehörten auch die Hamptons, diese Ansammlung von zehn Dörfern auf Long Island, deren gesellschaftliches Leben sich nicht von dem in Manhattan unterschied, außer das man hier zitronengelbe Hosen und weiße Schuhe tragen mußte.
Ich war einfach gegangen, hatte alles hinter mir gelassen: Marge und die Villa.
Ich ging hinunter zum Strand, meilenlanger, weißer, feiner Sand. Ich war nicht einmal wütend. Unmöglich, in dieser Umgebung, sechzig Meilen östlich, der schwülen, feuchten Hitze entkommen. Weit entfernt von den baumlosen Straßenschluchten der Stadt New York.
Hier glich alles einer Sommerresidenz, wo nur Platz zur Erholung blieb. Hier, wo ich ging, war ich fern vom hektischen Straßenlärm, abseits von jedem Small talk, allein mit dem Schrei der Möwen, dem leisen Rauschen der Wellen und dem Wind, der sanft meine Haut unter dem blauen Licht des Himmels kühlte.
Zwei Tage und zwei Nächte blieb ich am Strand. Und dann holte ich mein Heft hervor und begann zu schreiben. und fand Ruhe und den Anfang zu schreiben.
Nichts, was ich vermißte, ich schien alles zu besitzen. Die Worte kamen von selbst, abgelöst in den Pausen von Träumen.
Ich verpflegte mich an einem Kiosk, ansonsten vermied ich jede Begegnung mit den Menschen. Am Morgen, in der aufgehenden Sonne, holte ich den Schlaf nach, den mir die Kälte in der Nacht geraubt hatte, und doch waren es die Gedanken und die Stille der Nacht, die ich am Tag auf das Papier brachte.
Ich dachte an New York.

Ich lächelte still und fuhr mir mit der Hand durch das Haar als ich Marge am dritten Tag wiedertraf.
Sie war aus Angelas Boutique gekommen. Ich folgte ihr. Ich wollte sie überraschen, sie in ein Café einladen und ihr vorlesen. Ich ging so dicht hinter ihr, daß ich ihr hätte auf das Fersenband ihrer Sandalen treten können. Ihr kupferrotes Haar bewegte sich im Wind, der vom Meer her wehte und sich an ihr festzuhalten schien.
Plötzlich hatte sie sich umgedreht, mich in die Arme genommen und mich mit ihren grünen Augen, ihrem sinnlich harten Mund und ihrer erdigen Stimme angelacht.
Ich stand da, unrasiert, meine Tasche in der Hand und sagte: "Marge, ich habe angefangen, über dich zu schreiben." Ich holte aus meiner Tasche das Heft hervor und fügte entschuldigend hinzu: "Vorerst nur Notizen, das Buch kommt noch. Komm laß uns in ein Café gehen, ich will dir vorlesen."
"Nicht hier", erwiderte sie und winkte ihren Chauffeur herbei.
Wir hatten es nicht weit.
Bevor ich dazu kam, das Heft noch mal in die Hand zu nehmen, hatte Marge schon die Kleider abgelegt.
Ich war auch wieder froh, sie so zu sehen. Wir zeigten uns auf eine ganz zuverlässige Weise was wir aneinander mochten. Sie, meine Art, wie ich mir Zeit ließ, und ich die Art, wie sie Frau war.
Wir lagen auf lila Seide, hatten das Fenster weit geöffnet und hielten Sektkelche in den Händen. Ich ließ den Champagner kalt über sie hinweglaufen und trank von ihren Brüsten während sie stöhnte und sagte: "Ich hasse New York. Darum bin ich so oft hier."
Ich sah sie an, ohne zu sagen, was ich dachte. Es war nur der Augenblick, der uns bleiben würde.
Ich glaube, jetzt zu sterben, würde mir nichts ausmachen. Woanders würde ich dem Tod auch nicht entgehen können.
Liebte ich Marge ? Um ehrlich zu sein, nein.
Und sie mich ?
Ich machte mir darüber keine Gedanken. Wir sind hier in New York, wo der Lifestyle so übersatt und doch immer hungrig ist.
Nur der Augenblick hat eine Chance, ansonsten ist nichts von Bestand schon gar nicht das, was heute ist.
Das Leben ist eine Illusion, nirgendwo war ich dieser östlichen Erkenntnis so nahe wie in New York.
Es war früher Nachmittag. Vom Meer wehte eine sanfte Brise und brachte Abkühlung für den Abend.
Die Klimaanlage arbeitete gleichmäßig und leise. Das Telefon war abgestellt. Der Chauffeur und die Köchin hatten frei bekommen.
Ich warf einen Blick auf Marge, wie sie ausgestreckt neben mir lag.
Es war abzusehen, Marge würde ihr Gesicht verlieren, irgendwann, im Grunde nur eine Anzahl von Tagen entfernt, bis ein Schönheitschirurg das berühren würde, was ich an ihr mag. Marge würde ewig jung sein und irgendwann alt sterben.
Ich biß ihr sanft ins Ohr, und flüsterte: "I love New York."
Ich spürte ihren matten Atem, drehte mich um und verschwand in meinen Träumen.

*



Flatbush Brooklyn


Ich sitze in Bronwsville, weiter südlich liegt Flatbush, immer noch zu Brooklyn gehörend. Brooklyn könnte auch die Herberge vieler mittelgroßer Städte sein und doch ist es nur ein Teil von New York, so groß wie Berlin.
Von den rostigen Feuerleitern tropft der Rest des vergangenen Regen. Der Glanz der Fassaden ist seit langem verschwunden, falls es hier je so etwas davon gegeben haben sollte. Der Regen frißt sich in den Rost herumstehender Autokarosserien.
Ich sitze auf einem Haufen zusammengetürmter roter Ziegelsteine, auf einem Trümmerplatz umgeben von ausgehöhlten Hausruinen. Roter Backstein und rußgeschwärzte Mauern, Dosen, Papier, Kanister und alte Autoreifen, verwachsen mit Unkraut zwischen eingerissenen Hinterhofwänden.
Ich werde aufstehen und wiederkommen. Schon morgen. Die gleiche Aussicht, einfach hier sitzen und meinen Augen, meinen Ohren, meiner Nase, einfach dem allem Platz geben. Genauso gut könnte ich auch woanders hingehen. Es gibt mehr als genügend Ort in New York die diesem gleichen.

*

Ich wohne jetzt bei Toni und Ellen am anderen Ende von Brooklyn, wo alles anders ist.
Meilenlanger Asphalt. Ich gehe an Straßenblöcken entlang die Supermärkte für Prostitution und Rauschmittel sind. Vorbei an Vierteln deren Gesichter die Unterschiede der Herkunft ihrer Bewohner beschreiben.
Chassidische Juden in schwarzen Mänteln, mit gelockten Haaren die wie Korkenzieher bis unter die Ohren reichen. Bärtige Gesichter unter dunklen Hüten wechseln ab mit bunten Kaftane, stolz daherschreitend, wie vom Wind getragen. Gelegentlich ein Turban der einen Sikh erkennen läßt. Alte Gesichter mit fehlenden Zähnen, brüchig wie die Hausfassaden.
Die Annäherung unter den Jüngeren ist sichtbar. Nike Turnschuhe, oft um Nummern zu groß. Jeans und T -shirts.
Die Nachfrage der Kids nach Geld ist leise, aber nicht zu überhören. "Come, I need money. You can fuck me around the corner." Crack ergänzt das Angebot.
Es ist Nachmittag.

*

Ein Zeichen mich Flatbush zu nähern sind die verschwindenden Schlaglöcher im Straßenbelag. Allmählich beginnt grüner Rasen die kleiner werdenden Häuser zu umgeben. Der Abfall in den Straßen hat sich in ein Nichts verwandelt. Die Hecken sind formvollendet geschnitten und ich höre aus den Bäumen Vögel zwitschern.
Ich wohne in einem Haus im Kolonialstil, mit einem Vorbau der von Säulen getragen wird. Je breiter der Rasen zwischen Straße und Haus, um so größer ist der Hinweis auf vorhandenen Wohlstand. Demnach lebe ich nicht schlecht.
Hinter dem Haus im Garten gibt es einen Swimmingpool, ebenso selbstverständlich gehört ein Zimmermädchen und eine Köchin zum Haushalt. Der Gärtner kommt zweimal in der Woche. Ich muß mich um nichts kümmern.
"Damit du in Ruhe schreiben kannst", hatten Toni und Ellen gesagt. Marge hatte mich gehen lassen, nachdem ich in zehn Wochen keine Zeile zustande gebracht hatte, und ich darauf bestanden hatte, Ruhe vor ihr zu bekommen um endlich mit dem Schreiben fortzufahren.
"Verdammt, dann geh in die Dünen, in die Nacht und Kälte wenn du es bei mir nicht aushältst !", hatte sie mich auf einer Party angeschrien.
Toni und Ellen waren einfach gekommen und hatten gesagt :"Hör zu, wir haben Platz, du störst uns nicht und wir werden dich in Ruhe lassen."
Netter und freundlicher hätte das Angebot nicht sein können.
Schon der erste Eindruck bei ihnen hatte mir vermittelt, es hier schaffen zu können, für den Anfang der Geschichte eine Fortsetzung zu finden, hier am südlichen Ende von Brooklyn, wo bereits die Luft des Atlantik zu spüren ist.
Flatbush, auch wenn es spießig und aufgeräumt wirkt, so ist es doch ein Teil von New York, dazugehörig wie der Sirenenstoß der Schiffe welche die Peers anlaufen, ebenso wie die Enge zwischen den Wolkenkratzern, die Grafitti auf den U-Bahnen und allem hip und hoppen und kaputtem was diese Stadt ausmacht.
Die Ruhe, das Grün, irgendwie gibt Flatbush mir das Gefühl auf einem Friedhof zu leben, mit einem Scotch am Swimmingpool zu sitzen und die Zeitung gebracht zu bekommen, in der ich lesen kann, was zwischen den Häusern von Manhattan geschieht, die ich von hier, sich hinter der Gartenhecke hoch in den Himmel strecken sehe.
So wie die Stadt anderswo, italienisch, irisch, jüdisch, griechisch, afrikanisch, caribisch oder chinesisch wirkt, so scheint sie hier, deutsch, englisch und holländisch zu sein. Gestutzte Hecken, geschnittener Rasen, gewaschene Autos, Bügelfalten und weiße Hemden, Hunde an Leinen, Frauen die sich an Kochrezepten erfreuen können, auf ihre Männer warten und auf die Pünktlichkeit der Müllabfuhr achten.
Inzwischen haben Toni und Ellen mehrmals gewünscht, in dem was ich über New York schreibe auch erwähnt zu werden.
"Na klar ", erwidere ich jedesmal. Na klar, auch sie fangen jetzt an, an mir wie an einem Hundeknochen zu nagen.
Irgendwann werde ich sie verlassen. Sie, Marge, die Anderen, Flatbush mit dieser Gemütlichkeit eines Kaffeewärmers, diese Bequemlichkeit die zur Trägheit führt, die Sinne einschläfert, die Reflexe ermüden läßt und alles zur Selbstverständlichkeit gerinnen läßt.
Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut bald weiterzuziehen. Wann das sein wird ? Irgendwann, vielleicht schon morgen. Ich werde es ganz meinem Gefühl überlassen.

*



Gartenparty in Brooklyn


Die Bedingungen sich zu präsentieren sind günstig. Im Garten stehen weiße Zelte. An den kalten Buffets servieren Diener im Livree und verjagen die Fliegen. Der Himmel verstrahlt warmes Blau. Die Annäherungen erfolgen mit einem Lächeln. Alles scheint aus Zufälligkeit zu geschehen, mit der Leichtigkeit von Seiltänzern deren Lächeln die Balancierstange ist.
Die vorherrschende Stimmung besteht aus fröhlichem, zur Schau getragenem Optimismus, gepaart mit interessierter Oberflächlichkeit und Worte die Fragen "How do you do ?" begleitet hier und da mit einem besiegelnden Händedruck.
Eine weitere Betrachtung gilt den Autos denen die Gäste entsteigen. Eine Zusammenstellung verschiedener Kategorien des gleichen Luxus. Man müßte schon mit einem Fahrrad kommen um aufzufallen.
Was, wenn ein Kind, an der Hand eines alten, zerlumpten Blinden durch das Gartentor käme und einen Hut ausgestreckt hielte ?
Ich vermute, Mr. Crosby der mir als Autohändler vorgestellt wurde, würde umgehend dafür eintreten das die Beiden das Grundstück zu verlassen hätten, bevor sie etwas anfassen könnten.
Seine Frau, Mrs. Eleonore Crosby würde wahrscheinlich gleich in den Waschraum laufen, ihre Handschuhe abstreifen und sich die Hände waschen. Einige Leute hier hatte ich schon öfters getroffen und ein Paar ihrer Angewohnheiten kennengelernt.
Die Auflösung meiner Gedanken geschah durch eine junge Frau, die mir gleich einen ganzen Dollar dafür bot, wenn ich ihr meine Gedanken verraten würde. Ihre Stimme war sanft und ihr Lächeln war bemüht mich nicht aus meinen Überlegungen zu schrecken.
"Oh, ich habe mir gerade überlegt, daß ich mir für die Zeit, die ich in New York bin, kein Auto zulegen werde."
"Deswegen machen Sie ein so nachdenkliches Gesicht ?"
"Um etwas näher an der Wahrheit zu bleiben, ich habe gedacht ich würde von Mr. Crosby keinen Wagen kaufen."
"Sie sind kein Geschäftsmann, wie?"
"Genau so wenig wie ich im diplomatischen Dienst beschäftigt bin." Ich lachte. Ich reichte ihr meine Hand und nannte meinen Namen und sie erwiderte :"Ich heiße Joyce. Ich fliege morgen nach Berlin. Ich gönne es mir manchmal über New York hinauszublicken. Ich glaube wir brauchen ein besseres Leben. Denken Sie das nicht auch ?"
"Doch, das glaube ich auch. Ich habe damit bei mir schon angefangen", gab ich ihr zur Antwort.
"Verraten Sie mir Ihren Beruf ?"
"Schriftsteller", erwiderte ich knapp.
"Das ist gut. Was haben Sie bisher veröffentlicht ?"
"In der Schule ein paar Aufsätze und ansonsten schon eine ganze Menge Postkarten."
"Das ist nicht nett, daß Sie mir das sagen. Sie machen sich lustig."
"Sorry Joyce, ich wollte Sie nicht belügen."
"Sie sind kein Schriftsteller ?"
"Doch ich habe gerade damit angefangen."
"Ach ja."
"Ja, ich kann Ihnen den Anfang schon vorlesen."
"Ich soll Sie besuchen kommen ?"
"Sie sind schon da. Ich wohne hier bei Toni und Ellen."
Ihr Gesichtsausdruck wurde zu einer Momentaufnahme beharrlichen Erstaunens.
Ich war überrascht.
Ihr Blick wurde der eines Kindes, das aus einem Fenster in eine fremde Welt sieht. Das Augenblickliche begann sich zu verändert. Ich spürte ihre intensive Prüfung ohne ihre Gedanken erraten zu können. Ich vermied es ihrem Blick auszuweichen.
Ich ahnte eine aufsteigende Unausgeglichenheit meiner Gefühle. Ich duldete das Näherkommen ihrer Augen.
Was mir so langsam erschien, war nicht mehr als ein Moment der Bewegung, der sich auflöste in das Fragment eines flüchtigen Gedankens, der sich einholen ließ von dem Gefühl, der größtmöglichen Nähe zwischen zwei Menschen begegnet zu sein.
Dann plötzlich stand Marge neben mir. Ich spürte ihre Hände um meinen Hals und ihre Lippen auf meinem Mund.
Jemand aus ihrer Begleitung fragte: "Ist das der, der ein Buch über dich schreibt ?"
"Schade, morgen bin ich in Deutschland", warf Joyce dazwischen, dann drehte sie sich um und verschwand ohne das ich sie jemals wiedersah.
Natürlich hatte ich versucht etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Mir ist in Erinnerung geblieben das sie mit Familienname Crosby hieß und ihr Vater Autohändler war.
Das hätte mich nicht gestört.

*

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Der Pianomann - american stories -

von

Uwe Kampmann

Dem Guten, dem Wahren, dem Schönen

Musik und andere Drogen


Sein dürrer Hals ragte aus einem schwarzen Rollkragenpullover hervor und sein Haar war schüttern. Er hockte auf einem Schemel, seine Schultern fielen nach vorn. Er hob den Kopf. Er schaute zur Seite und unsere Blicke trafen sich. Seine Augen blickten über faltige Tränensäcke hinweg. Seine Lippen quollen wulstig, fast fett aus dem hageren Gesicht mit der überlangen Nase. Sein Gesicht wirkte im trüben Licht der Funzel wie ein Sarg, einsam, blaß, fahl und still. Im Gegensatz dazu schienen seine Hände ein Eigenleben zu führen.
Seine Finger hüpften, blieben in der Luft hängen, glitten zu den Seiten, fanden zurück so als tanzten sie der traurigen Gestalt der sie gehörten etwas vor. Sie erzählten Geschichten, vom Fluß, von Trauer, von Liebe, der Sehnsucht, des Verlangens und der Einsamkeit. Ich hörte zu, und die anderen hörten zu. Sein Blick wanderte gelegentlich hinüber zur Bar. Ich wippte mit den Füßen.
Er war alt. Ich war alt. Das Mobiliar war alt. Der Barmann war alt und wenn ich das restliche Publikum anblickte so war ich der Jüngste.
Das Licht war schummrig und das Bier wurde in Flaschen serviert. Ein Wink genügte und man bekam was man wollte, ebenso wie es genügte eine Karte vorzuzeigen um hier Eintritt zu finden.
Am Tisch neben der Tür saßen zwei Frauen der Nacht. Hier wurde jeder in Ruhe gelassen. Man konnte sich um diese Uhrzeit kaum etwas besseres gönnen als hier zu sitzen und dem Pianisten zu lauschen.
Die Atmosphäre war eigenartig. Immer wenn ich kam, dachte ich es ist hier anders als anders wo.
Die Gesichter, die Körper, aufgedunsene und hagere Luftsäcke, gefüllt mit Knochen, durchmischt mit einigen Prozent Alkohol. Das wichtigste Sinnesorgan in dieser dunstigen Luft, war das Gehör, ohne es, wäre das hier, ein verlorener Ort gewesen.
Jede Note, die Art wie er sie anschlug, so verspielt wie die Blüte ewige Jugend, selbst das Verklingen des Vorangegangenen war ein Prozeß des nie enden wollenden Lebens. Die trüben Funzeln, die rauchgeschwängerte Luft und die Abgeschiedenheit in den Gesichtern, es war Vibration, so intim und nahe, so wie der Tod und das Leben zusammengehören, es war einfach mehr, es war die Geburt zu erleben.
Die Drinks des dankbaren Publikums für den Pianisten, schrieb der Barmann auf eine Schiefertafel an der Wand neben dem Flaschenregal. Ich zählte, neun Whiskey, zwölf Bier, drei Wodka, zwei Cognac und sieben Fragezeichen.
Jeder wußte wer bis nach vier Uhr blieb, der Pianist würde nicht vor vier Uhr morgens anfangen zu trinken. Dann blieb ihm noch eine Stunde, bis um fünf der Strom abgeschaltet wurde, und die Eingangstür zum Ausstieg zurück in die Welt wurde, die außerhalb dieses Raumes lag.
So saß er einsam vor dem Klavier. Vor ihm im Aschenbecher qualmte eine Zigarette. Noch eine Stunde, eine weitere würde ihm bleiben um dieser Nacht zu entrinnen.
Morgen, beziehungsweise heute, in einigen Stunden werde ich abreisen. Ich stand auf, ging zum Piano, beugte mich zu ihm und sagte leise :"Sie sollen niemals in Ihrem Leben denken, es hätte Ihnen niemals einer eine Chance gegeben." Dann drehte ich mich um, legte hundert Dollar und meine Clubkarte auf den Tresen, wartete auf das Wechselgeld, schob die Scheine zurück und sagte :"Für den Rest Mineralwasser für den Mann am Klavier." Ich tat es in der Hoffnung , er würde mich nie vergessen.
Als ich aus der Tür trat, hörte ich hinter mir die einsetzenden Klänge von `Stars and stripes´. Danach stand ich im trüben Grau des frühen Morgen, ging nach rechts entlang und bog um die Ecke.
Straßenkehrer waren dabei lautstark die Mülltonnen zu leeren. Eine andere Kolonne fegte den Bürgersteig. Ich wich dem Wasserstrahl des Autos der Stadtreinigung aus.
Ich überlegte mir was ich tun könnte, jetzt um diese Uhrzeit, es war zu spät um schlafen zu gehen. Ich griff in meine Jackentasche, holte eine Zigarette hervor und warf die leere Schachtel auf den Bürgersteig.
"Hey Mann, machen Sie keinen Dreck hier !", schrie mich einer der Männer an. Er mußte laut schreien um den Lärm des Müllautos zu übertönen.
Seither habe ich es geschafft. Es war nicht schwer. Ich rauche schon lange nicht mehr.

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Der Mann der zur Beerdigung ging - american stories -

von


Uwe Kampmann

Arthur besaß ein Beerdigungsinstitut in Santa Fe. Im Gegensatz zu seinem Kundenstamm besaß er eine gesunde Gesichtsfarbe, ansonsten war er so unaufdringlich wie ein Toter den man vergessen hatte. Er sprach nicht viel. Worüber sollte er reden ? Seine Kunden kamen erst zu ihm wenn sie es nicht mehr konnten und die Hinterbliebenen waren mit sich selbst beschäftigt. Hin und wider berührte es ihn wenn er ein Kind einzusargen hatte. Vor den Selbstmördern ekelte er sich, besonders vor denen die sich erhängt hatten, denen die Zunge aus dem Hals hing und deren Augen aus den Höhlen quollen. Sein Geschäft florierte. Er konnte es sich leisten, auf die zu verzichten , die man vom Pflaster abkratzen mußte und bei denen man nicht mehr wußte was einmal der Kopf gewesen war.
Er und Clarissa waren sich nähergekommen und hatten geheiratet. Ihr Hochzeitstag war ihr Kündigungstermin bei der Bank gewesen. Sie hatte damit nicht nur ihren Job aufgegeben, sondern auch ihr Lächeln. Es war ein typisches Bankschalterlächeln gewesen. Von da an, regelte sie den Haushalt und nebenher die Finanzen im Geschäft.
Arthur ließ sich von einer Fabrik beliefern. Seine Arbeit war es, die Toten zu waschen, sie anzuziehen, ihnen ein rosiges Make up aufzulegen und die letzte Fahrt zum Friedhof zu organisieren, vielleicht den Deckel noch mal öffnen, für ein Photo. Das berechnete er extra, wie es keinen Handgriff gab, den er sich nicht bezahlen ließ.
Überwältigende Gefühle kannte er nicht. Sein Gesicht war nüchtern und leidend. Er sagte sich, die Menschen kommen und gehen. Wenn er Clarissa ansah, dachte er, :`Drei Tage tot im Schaukelstuhl und ich könnte dich nicht mehr riechen`, auch wenn er sagte: "Ich liebe dich." Sie waren fast vier Jahre verheiratet. Ihre Ehe war kinderlos geblieben.
Vor zwei Jahren hatte Arthur gemerkt, wie er Clarissa zu hassen begann, wenn sie ihm morgens die Milch in den Kaffee goß, den Zucker gab, den Löffel von seiner Untertasse nahm und seinen Kaffee umrührte. Seinen Kaffee. Verdammt, er wollte nicht immer Kaffee mit Milch und Zucker trinken. Er traute es sich nicht zu sagen. Er litt jeden Tag. Beim Frühstück, wenn sie den Kaffeelöffel von seiner Untertasse nahm, mittags wenn sie ihm das Fleisch auf seinem Teller zerlegte und am Abend wenn sie sagte was in der Kasse war. Kurz vor dem vierten Hochzeitstag fand sein Leiden ein Ende. Er grub seine Hände in Clarissas Hals und legte sie einem alten Mann auf den Bauch.
Zur Beerdigung war außer Arthur und den Friedhofsarbeitern nur ein entfernter Verwandter des alten Mannes gekommen. Arthur hatte es übernommen, einige Worte über die Erlösung zu sprechen.
Er gab das Geschäft in Santa Fe auf und zog nach Wichita Falls. Er eröffnete ein neues Beerdigungsinstitut und war froh wieder allein zu leben.
Ein halbes Jahr später, nachdem er nach Wichita Falls gezogen war, wurde er verhaftet. Es hatte in Santa Fe den Verdacht gegeben, daß eine Krankenschwester, einen Teil ihrer anvertrauten, todkranken Patienten aus Mitleid getötet hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte den alten Mann exhumieren lassen, dabei hatte man Clarissa gefunden. Arthur hatte nicht geleugnet. Seit zwei Jahren wartet er auf seine Hinrichtung im Staatsgefängnis von Huntsville. Er trinkt seinen Kaffee wie er ihn bekommt. Es scheint ihn nicht zu stören.


PS: "Der Mann der zur Beerdigung ging", wird 1992 im Programm des Bayerischen Rundfunk 2 in der Sonntagsbeilage gesendet. Das Copyright liegt bei dem Parvati Verlag.


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29.3.07 23:04, kommentieren

Eine Strassenrandgeschichte

von

Uwe Kampmann

Alles war ein großes Durcheinander. Das Gewirr der Stimmen, das Hupen der Autos, die Stockungen auf den Bürgersteigen, die neugierigen Blicke, die näher drängende Masse Mensch, die unterschiedlichen Gesichter, widerliche, erschrockene, freundliche, anteilnehmende, fragende Mienen .
Es war ein plötzlicher Eindruck gewesen. Das Quietschen der Bremsen. Ich hatte noch den Stoß gespürt, daran erinnern konnte ich mich jetzt nicht mehr. Ein Stück zur Seite geschleudert, liegengeblieben so wie ich jetzt lag, die Stimmen hörte, die Geräusche wahrnahm, mit aufgerissenen Augen in die Gesichter blickte und hörte wie jemand sagte :" Er atmet", dann hörte ich das Wort : "Polizei", ein anderer sagte: "Krankenwagen."
Ich hatte das schon ein dutzend Mal gehört.
Ich lag hier und wartete. Schmerzen hatte ich keine. Die Hände die nach mir griffen spürte ich nicht. Eine Decke wurde nach vorne gereicht und über mir ausgebreitet. Ich hatte nichts dagegen, mir war kalt geworden. Nur mein Gesicht blieb frei. Ich fühlte mich leicht und spürte den zunehmenden Abstand meiner Wahrnehmungen meiner Umgebung gegenüber. Die Zeit nahm ich empfindsam wahr. Die Sekunden waren von unendlicher Dauer ohne das es mich störte. Irgendwann würde etwas geschehen, weitergehen oder vorbei sein. Die mich umgaben würden wieder in Bewegung geraten, auf den Weg nach Hause, zur Arbeit oder zu irgendeinem Vergnügen. Ihren Familien, ihren Arbeitskollegen oder Freunden würden sie erzählen mir begegnet zu sein.. Morgen würden aufmerksame, neugierige Augen in den Zeitungen nach mir suchen. Wer war das ? Wie ging es weiter ? Übermorgen schon würde ich vergessen sein.
Meine Gedanken erschienen mir klar wie selten. Unklar blieb vorerst, konnte ich mich noch bewegen ? Was ich spüren konnte war mein Kopf auf dem Hals. Bewegungslosigkeit war mir genausowenig angeboren wie die Fähigkeit zu fliegen. Ich begann mich davor zu fürchten abgeholt zu werden, in irgendeines der Hospitäler. Der Gedanke erschreckte mich mehr als das was geschehen war. Die Frage warum ich, tat ich einfach mit der Antwort ab, warum ich nicht, - trotzdem, ich verlangte nicht nach mehr. Bis hierher hatte es mir genügt. Hier könnte es enden. Es wäre o.k. Ich hörte sie näher kommen, die Sirenen, sie kamen näher und näher, und näher und immer näher bis ich wußte sie meinten mich. Für die anderen um mich herum war es ein Tag wie jeder andere, genauso für den Arzt und die Sanitäter. Meine Gedanken gerieten in einen Taumel als ich sah wie sie nach mir griffen und ich sie nicht spürte. Ich wurde getragen und hörte das Zuschlagen der Türen und auch das Geräusch der Beatmungsmaschine. Dann war es totenstill. Ich war froh.


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1 Kommentar 4.4.07 07:05, kommentieren

Unterwegs - eine Erinnerung

Eine Begegnung der unheimlichen Art.


von

Uwe Kampmann


Die Straße war ungeteert. Irgendwann war sie abgezweigt. Wie ein langes Band zog sie sich bis zum Horizont zwischen den Wiesen entlang. Nicht unerwähnt soll bleiben das hier keine Menschen lebten. Jede weitere Hintergrundinformation ist überflüssig. Warum auch ? Es war einer der abgelegensten Winkel dieser Welt.
Der Wind wehte von Nordwest. Nicht eine einzige Wolke war am Himmel.
Als ich an der Stelle stand die ich zuerst als letzten Punkt am Horizont gesehen hatte, senkte sich der Weg in ein Tal.
Plötzlich stand er vor mir, mit einem knochentrockenem Grinsen. Sein Kopf war kahl. In der Hand hielt er eine Sense.
Mein Innenleben geriet zum Stillstand. Ich blickte ihn an. "Verdammt abgelegen hier ", sagte ich. Meine Stimme dröhnte in die Stille.
"Ein Ort zum schlafen ", entgegnete er.
Es war nicht schwer zu erkennen auf welchem Dienstleistungssektor er tätig war.
Seine Zähne blitzten wie stumpfe Rasierklingen und seine Augen schimmerten gelblich. Ein Häufchen von körnigem Kalkstein umgab seine Füße.
Ich bot ihm einen Schluck aus meiner Wasserflasche an.
Aus der Brutstätte seines Herzens erwiderte er :"Das brauchst du zum Überleben."
Ich lachte wie der Schrei eines Adlers.
Er zuckte zusammen.
" Darauf kann ich verzichten", entgegnete ich.
Ich ging einen Schritt auf ihn zu, blickte in seine hohlen Augen und sagte :" Geh mir aus dem Weg. Ich will in die tote Stadt."
"Noch zehn Kilometer ", sagte er und zeigte mit seinen Fingern die spitz wie Sargnägel waren in die nördliche Richtung. Er nahm einen Schluck aus der Flasche. Das Wasser rieselte zwischen ihm hindurch hinunter auf den Boden und versickerte.
Ich nahm die Flasche zurück und stieg hinunter in das Tal. Hier hatte alles seine Wirklichkeit verloren. Die Hügel sahen aus wie aufgeworfene Sandhaufen. Die Häuser die ich sah erinnerten mich an Grabsteine deren Fenster dicht vermauert jedem Licht den Zugang verwehrten. Der Himmel war bleiern und eine breite Bucht schloß sich an den Ort an.
Luftverhangene Gestalten blickten mich an. Nicht zufällig blickten sie wie unentdeckte Neuheiten, deren Augen an den Rändern lagen, mit Nasen die bis zum Boden reichten. Mitten aus der Stadt erhob sich eine Metall glänzende Pyramide.
Die Stadt war ein in sich abgeschlossener Ort. Ich ging durch Gänge die Straßen sein sollten, kam in Räume die Plätze darstellten bis zum kreisförmigen Zentrum.
Alles, Sprechweise und Geschmack waren hier anders, Umgangsformen waren wie man sich gab. Warum also hätte ich mich anders benehmen sollen, wie sonst auch ?
Ich nahm mein Hiersein als Selbstverständlichkeit hin. Ich hatte auf jede schriftliche Anmeldung verzichtet und Dokumente trug ich auch keine bei mir. Alles war mir zu vertraut um mir fremd zu erscheinen. Mein Hiersein war eine unentbehrliche Selbstverständlichkeit. Bei dieser ganzen tiefschichtigen Absurdität des Todes ging es darum ein neues Leben zu erhalten. Es galt die Vorherrschaft von Erinnerungen zu beseitigen. Das Denken mit einem fremden Gedächtnis setzte ein. Es gab nicht mal mehr Merkwürdigkeiten die wie Merkwürdigkeiten erschienen. Es ging einfach darum ein neues Leben zu bekommen. Wer Engländer war, mußte nicht unbedingt Engländer bleiben.
Der Versuch sich irgendwelchen Erklärungen auszusetzen war sinnlos. Jeder hier wußte das nichts einer Erklärung bedurfte. Alles war Zeitgeist. Die Zeit für sich selbst, isoliert, nur eine klebrig geronnene Masse.
Hier wurde der Tod tranzendiert. Die Voraussetzung war ihm zu begegnen, ihm zu entrinnen bleibt für ewig eine Illusion.
Was die neue Identität betrifft so besteht ein Aneignungsverbot, wurde mir mitgeteilt. Alles würde sich aus der Reflexion ergeben. Einen Schutz vor irgendwelchen zukünftigen Maßnahmen gab es nicht. Ich wußte nicht was mich erwarten würde.
Die Zentralmaschine zog mich immer näher an sich heran. Ich spürte ihre Aufgabe, wie sie meine Signale empfing. Was mich am weitesten von ihr entfernt hatte war mein Menschsein gewesen. Ich war wieder angelangt, dort wo einmal am Tag unserer Zeitrechnung, nur kurz, wie in einem Erinnerungsspeicher, die Information des Vergangenen festgehalten wurde, bis zum Tag unserer Ankunft.
Das Hiersein glich einer neuen Einweihung. Die Riten sind nüchtern. Hier wird man zu dem was man bisher abgelehnt hatte. Aufgeladen bekommt jeder was er bisher haßte. Darum ist Liebe das Beste was man tun kann. Es ist Zeit für mich, mich daran zu erinnern.


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4.4.07 06:56, kommentieren

Der Sprung

von

Uwe Kampmann


Meine Erinnerung ist brüchig. Das Gefühl stumpf. Die Hoffnung nur noch eine Ansiedlung von Unsicherheit. Ohne zusammengefügt zu sein, nur auf Blickkontakt, noch nicht aus den Augen verloren, was mal gewesen schien. Es hätte nicht mal mehr eines Tritt in den Spiegel bedurft. Eine leere Packung Zigaretten und eine Schachtel naß, aufgeweichter Streichhölzer wären das Gleiche gewesen. Wie ungeschickt aufgetragenes Make - up. Verschwommen auch ohne Tränen. Jedes Wort, - hätte noch eines kommen können, hätte nur "Hilfe" sein können. Eine Berührung hätte Wunden hinterlassen. Weg von hier. Ist es erstmal so weit fällt es nicht schwer.
Ein bischen Luftveränderung wird mir gut tun. Ich gehe auf das Dach. Ein Schritt, schon nach dem Zweiten wird es leicht. Die Erinnerung kehrt zurück. Das Gefühl ist angenehm. Noch zehn Stockwerke und die Hoffnung wieder Boden unter mir zu haben.
Ja, Sie da unten, genau Sie. Sie können auch ihren Nebenmann oder ihre Nebenfau anstoßen wenn Sie Fragen haben. Es interessiert mich nicht ob Sie sich kennen. Sie werden sich gleich in die Augen schauen. Achten Sie mal darauf wie Sie nach zwei Minuten auseinandergehen werden. Mit dem Gefühl, ach was sind Worte, Blicke, mit dem collectiven Blick des Erschauerns. Sie brauchen mich nicht zu bedauern. Ich bedauer Sie auch nicht.
Ich weiß sie sehen nur mich. Ich sehe sie alle, unter mir eine gespannt schweigende, atemholende Masse Fleisch auf mehr als vierhundert Beine gestellt, gierig, still nach oben blickend.
Ich atme während die unter mir die Luft anhalten. Ich fühle mich den Spatzen auf dem Dach näher als allem Anderen was mich umgibt.
Ich werde warten bis ich die Sirenen höre, auch dann habe ich noch Zeit. Ich werde warten bis sie aus den Fahrzeugen springen und die Menge sich teilt. Von unten wird eine Stimme von Regelverstoß sprechen. Der sich nähernde Sirenenrap läßt mich tänzeln. Als ich die Stimme höre lache ich den Spatzen zu.
Im achten Stockwerk am Fenster begegnet mir noch eine Frau der ich ein Lächeln zuwerfe.
Ich habe die Welt abgeschafft.


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4.4.07 06:51, kommentieren