Eine Speisekarte mit Dame - american stories -

Eine Speisekarte mit Dame - american stories -

von

Uwe Kampmann


Sich zu überlegen woher er abstammte wäre müßig gewesen. Ob aus Rußland, aus China, vom Nordpol oder aus Deutschland, egal woher. Vielleicht kamen seine Vorfahren aus Polen oder Italien, egal, sie konnten nichts dafür, außer das sie ihn in einer langen Ahnenreihe, als zur Zeit letztes Endglied ihrer Leiber in die Welt gesetzt hatten. Für sein Gesicht war er selber verantwortlich. Dreck, nichts anderes war sein Lächeln, eine Ansammlung von Dreck, fett wie eine Made, der Anzug nur die teure Ausführung eines Mülleimers. Seine Finger, kleine, manikürte Wurstzipfel. Goldene Ringe, eine teure Uhr, es hätte nicht des teuren Parfüms bedurft. Er stank auch so, nach Geld. Sein Name ist uninteressant, auch wenn er mit Goldprägung seine Visitenkarte besticht. Er besitzt in Chicago eine Arena für Windhundrennen, ein Dutzend Wohnblocks in New York und ein Haus in Florida. Sein Chauffeur und der Wagen kosten ihn im Jahr sechzigtausend Dollar.
"Das Leben ist zu kurz, die Zeit zu knapp und den Geist muß man in der Brieftasche tragen", sagte er. "Das ist die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe."
Sein Lächeln schien mir ehrlich.
Eigentlich sitze ich mit ihm im Restaurant nur am selben Tisch. Ich habe ihn nie vorher gesehen. Ich denke, `Ich werden über ihn schreiben.´
Ich sage : "Ich bin Schriftsteller."
"Und was schreiben Sie ?"
"Ich suche interessante Menschen."
"Schwer zu finden", behauptet er.
"Ich glaube es ist schwieriger über Tiere zu schreiben ", sage ich, "zum Beispiel über Maulwürfe. Wissen Sie wie ein Maulwurf lebt ? Ich meine nicht das er Erdhügel aufwirft, daß erfährt schließlich schon jedes Kind, daß zum ersten Mal das Wort Maulwurf hört und fragt was ist ein Maulwurf ? Wissen Sie das Maulwürfe blind sind ? Ich meine für unser Verständnis total behindert."
"Ja, jetzt wo Sie es sagen, ich erinnere mich, tatsächlich habe ich davon gehört. Das ist schon lange her. Ich habe nie mehr darüber nachgedacht ", antwortet er.
"Also, mich beschäftigen Maulwürfe schon", sage ich. "Ihre Finger mit denen sie ihre unterirdischen Gänge graben, sehen aus wie Finger. Ich meine, wie menschliche Finger. Sehr langgliedrig, stark durchblutet, mit einer robusten Haut überspannt und mit langen Fingernägeln. Als ich die Fingernägel zum ersten Mal sah, habe ich gedacht, Frauen die auffallen wollen, würden einen Maulwurf um seine Fingernägel beneiden, wenn sie je solche gesehen hätten."
"Interessant", sagt er, "ich wußte nicht das Maulwurffinger dem Menschen ähnlich sind."
"Sie haben gedacht, sie hätten so etwas ähnliches wie Krallen oder Schaufeln an ihren Pfoten, nicht wahr ?"
"Ja genau, Finger wie beim Menschen, daran habe ich nie gedacht."
Er hatte sich nie in seinem Leben darüber Gedanken gemacht, ob die Pfoten Krallen oder Schaufeln ähnelten. Das ich sagte, die Finger sähen menschenähnlich aus, interessierte ihn.
"Anatomisch gesehen gibt es natürlich Unterschiede. Maulwürfe haben keinen Daumen, obwohl sie fünf Finger haben, aber keiner ist so kurz wie ein Daumen.
"Aha", sagt er und blickt in seine Hand.
Ich beuge mich über den Tisch und sage : "Stellen Sie sich Ihren Daumen so lang wie Ihren Zeigefinger vor."
Seine Finger liegen eng zusammen, sie lassen keinen Zwischenraum. Er hält seine Hände nebeneinander, die Handflächen nach oben. Er hält sie gewölbt wie ein Gefäß. Mit Wasser gefüllt, kein Tropfen könnte entrinnen.
"Sehen Sie", sage ich.
"Ja, ich kann mir vorstellen was Sie meinen."
"Wirklich ?", frage ich.
"Was meinen Sie ?"
"Ihre Handlinien."
"Meine Handlinien ?"
"Interessant ", sage ich.
"Sie verstehen etwas davon ?" Ich weiß, er wird mir Zeit lassen. "Sagen Sie, Sie verstehen etwas von Handlinien ?"
"Sir ?" Wir beide blicken zum Kellner auf.
"Darf ich servieren ?"
Ich ziehe meinen Kopf zurück. " Bitte ", ich blicke meinen Tischnachbarn an und sage :" Ich möchte nicht, daß Ihre Speise kalt wird."
Der Kellner beginnt mit seiner Arbeit. Ich muß noch warten. Es macht mir nichts aus.
"Aber nachher ?"
Ich nicke und sage: "Lassen Sie es sich schmecken."
Er nimmt den Löffel. Auf der Suppe schwimmt ein Eigelb. Er faßt es mit dem Löffel und läßt es zwischen seinen fetten Lippen verschwinden. Hastig folgt der Rest. Er schiebt den Teller zur Seite, führt die Serviette zum Mund, läßt sie los, sie fällt zurück auf seinen Schoß, dann streckt er mir die Hände entgegen.
"Sir."
Ich sage :"Sorry."
Meine Vorspeise ist gekommen. Ich greife zur Gabel.
"Sie sind nicht nur Schriftsteller ?"
"Auch", sage ich. Ich wickel die Nudeln um die Gabel. Dann beginne ich zu kauen. Als der Bissen in meinem Magen gelandet ist sage ich : "Hier kann man gut essen." Ich lege die Gabel zur Seite und greife mein Rotweinglas.
"Zum Wohl ", sage ich.
Er nimmt sein Glas.
Als wir die Gläser absetzen bringt ihm der Kellner den zweiten Gang. Neben dem argentinischem Steak liegt eine Kartoffel in Staniolpapier eingewickelt.
Ich führe die Gabel zum Mund. Ich könnte ihm jetzt sagen, bevor ich Nudeln in den Mund nehme, was ich gesehen habe. Er wartet darauf. Sein Blick ist so gierig wie seine Hand. Warum überhaupt sollte ich etwas sagen. Das er mich gefragt hat ist kein Grund eine Antwort zu geben. Während ich kaue, es schmeckt mir, beobachte ich wie er das Fleisch zerschneidet. Die Kartoffel liegt noch in der Folie. Wirklich, dem Lokal gehört ein Kompliment. Die Messer sind scharf. Das Steak ist medium zubereitet. Das Blut quillt aus den Fasern. Mein Gegenüber beginnt sich mit der Kartoffel zu beschäftigen. Ich trinke einen Schluck Wein und lege die Gabel auf den Teller.
"Haben Sie wirklich etwas gesehen ?", fragt er.
"Natürlich ", sage ich, " Sie sind ein interessanter Mensch."
"Aber Sie könnten nichts über mich schreiben, ich meine ein Buch, Sie wissen kaum etwas über mich."
"Doch."
"Was doch ? Ein Buch ?"
"Sir ?"
"Bitte." Ich lehne mich zurück.
Der Kellner serviert.
"Übrigens, mich hat das sehr beschäftigt." Ich blicke den Kellner an. "Verstehen Sie etwas von Maulwürfen ?"
"No Sir, die haben wir nicht auf der Speisekarte."
"Vom Fleisch her auch so wenig ergiebig wie Tauben", füge ich hinzu, "man müßte wenigstens sechs von ihnen haben."
Der Kellner bewegt seine Mundwinkel nach unten und zieht sich zurück
"Die Sympathie wird sich über das Trinkgeld regeln, bevor es soweit ist braucht man auf Kellner keine Rücksicht zu nehmen ", sage ich.
Mir gegenüber, lacht der Mann.
"Was Sie gesagt haben ", er zeigt mit dem Messer und der Gabel auf sein Steak und die Kartoffel, "schmeckt mir." Dann folgt ein Blick, den er dem Kellner nachwirft, um mir anschließend zuzunicken, während ich mir die Zitrone über die Auberginen träufle.
"Wo haben Sie das gelernt ?"
"Was ? "
"Na, Handlinienlesen."
"Ich war in Indien, außerdem hat meine Großmutter und Mutter ", ich beginne zu kauen.
Ich beobachte ihn, dann schlucke ich während er weiterkaut.
"Mit den Maulwürfen, ich habe mich gefragt, blind und tief in der Erde, wie schaffen sie es zueinanderzufinden und Nachwuchs zu zeugen ? "
"Sie haben recht, darüber was zu schreiben, ist verdammt schwierig."
Ich esse und lasse ihn mit vollem Mund reden.
"Ich finde", sagt er, "es ist viel einfacher über Menschen zu schreiben. Man muß sich nur unter sie mischen. Ehrlich gesagt, wenn ich Zeit hätte könnte ich auch ein paar Geschichten schreiben."
"Würden Sie wollen ?"
Er blickt über den Teller.
"Ich kenne ein paar Frauen, die haben Fingernägel wie Maulwürfe." Er lacht.
Ich sage :"Maulwürfe haben ein schönes Fell, es ist schwarz und glänzt, aber sie sind zu klein. Für einen Pelz müßten viele Tiere sterben."
Er entfaltet des Staniolpapier. Eine riesige Kartoffel kommt zum Vorschein. Er bricht mit der Gabel ein Stück ab, spießt es auf die Zinken und steckt es in den Mund zwischen einen Rest gut durchgekautem Fleisch. Er hat es eilig etwas zu sagen, gießt einen Schluck Rotwein in das Gekaue und sagt: "Zu einem argentinischen Steak muß man die Kartoffeln mit Schale essen."
"Ja ", erwidere ich, "mit Schale schmecken Kartoffeln sehr natürlich."
Er zeigt mit seinem Messer auf meinen Teller und fragt :"Sind Sie Vegetarier ?"
"Eigentlich ja, ich kenne nur eine Ausnahme, aber Menschenfleisch ist nur selten zu bekommen."
Ich beobachte ihn. Er weiß nicht, soll er kauen oder schlucken. Als Zwischenlösung scheint er sich fürs Zurückkotzen auf den Teller entscheiden zu wollen.
Ich sage: "Bleiben Sie ruhig und essen Sie weiter. Maulwürfe fressen sich auch gegenseitig auf, daß ist völlig normal." Mit dem Messer schiebe ich mir eine Aubergine zurecht. "In Öl gebackene Auberginen ergeben im Mund ein Gefühl als würde man Fleisch essen. Am besten dazu ist die großblättrige Petersilie. Immer wenn ich Lust auf Fleisch verspüre, entscheide ich mich für gebackene Auberginen." Ich ziehe die Gabel aus dem Mund zurück und blicke ihn an. Obwohl ich weiß, daß man nicht mit vollem Mund sprechen soll, sage ich : "Sie haben in Ihrer Liebeslinie ein großes Durcheinander."
"Haben Sie das im Ernst gemeint, mit dem Menschenfleisch, dann würden Sie auch Hundefleisch essen ?"
"Genausowenig wie Katzen mag ich Hundefleisch, ich sagte Ihnen doch, eigentlich bin ich Vegetarier."
"Aber Sie sagten doch...."
"Ich sagte, Menschenfleisch ist sehr selten."
Er räuspert sich. Dann legt er sein Messer und seine Gabel über Kreuz auf den Teller, neben das restliche Steak.
"Werden Sie satt von den Auberginen ?", fragt er.
"Sie sind eben nur ein Ersatz ", erwidere ich.
"Sir ?"
Er blickt zu dem Kellner hoch und sagt :"Den Teller können Sie mitnehmen. Mit dem Nachtisch warte ich bis der Herr", er blickt auf mich," fertig gegessen hat."
Als der Kellner sich einige Schritte entfernt hat, sagt er : "Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie sagen mein Liebesleben ist durcheinander, überflüssiger Weise bin ich mit einer Frau verheiratet, die ich nicht liebe."
"Das ist oft so ", erwidere ich. "Hat man Sie erst mal, wird man Sie schwer wieder los."
"Aber Sie sagten doch, Sie lieben Menschenfleisch, ich meine Sie essen es gerne."
"Ja, richtig. Zum Nachtisch hätte ich gerne einen Kaffee und einen Whisky."
"Ich meine, meine Frau, da ist einiges dran. Also, ich hätte nichts dagegen wenn Sie mal probieren möchten, von mir aus auch mit Petersilie. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ....."
"Ich habe Sie verstanden, Sie möchten die Unordnung in Ihrem Leben verändert."
"Ich habe schon öfters darüber nachgedacht. Sie möchte keine Scheidung. Ich meine nur, Sie mögen so etwas, vielleicht kann ich Ihnen damit einen Gefallen tun."
"Ja natürlich, vielleicht haben Sie zufällig ein Bild von ihr dabei ?"
Er greift in seine Jackentasche seines Innenfutters.
"Hier ", er reicht mir ihr Bild über den Tisch.
Mein erster Eindruck sagt mir : "Ein dickes Rippchen." Nach einer Weile sage ich, er blickt gespannt zu mir herüber : "Gefärbte Haare verderben den Geschmack, außerdem mag ich es lieber wenn die Hüften nicht doppelt so breit wie die Schultern sind."
"Ich kann nichts dafür, Sie mag Schokolade, Sie ist süchtig danach. Aber eingefroren, vielleicht würde sie ein Jahr lang reichen."
"Das ist natürlich ein Argument aber ich habe keine Kühltruhe." Ich winke den Kellner heran und sage: "Ich möchte einen Kaffee und einen Kentucky black Label."
"Für mich auch."
Als der Kellner sich entfernt hat, sagt er: "Natürlich würde ich Ihnen auch noch etwas geben. Geld für eine Kühltruhe und Gewürze."
"Das ist gut", sage ich.
"Ich könnte Sie mit meiner Frau bekannt machen. Sie könnten sagen, Sie wollen ein Buch über mich schreiben."
"Oh ja, Ihre Frau würde stolz auf Sie sein. Sie müßte darin vorkommen."
"Natürlich, wir sind seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet. Das dürfen Sie nicht verschweigen. Wenn ich Sie morgen zu uns einladen darf. Ich könnte Ihnen Photos zeigen als Sie jünger war, ich glaube, daß würde Ihren Appetit anregen."
"Natürlich", sage ich und wische mir mit der Serviette über den Mund.
"Sie bekämen von mir sechzigtausend Dollar."
"Und was gibt es zu essen ?"
Er zögert. "Auberginen ?"
Ich nicke. Ohne mich in Gedanken festlegen zu wollen, sage ich : "Einverstanden."
"Mein Chauffeur kann Sie morgen abholen."
"Ich werde in der Bar vom Plaza sitzen. Er soll nach Doktor Pauli fragen."
"Sie sind Doktor, Mediziner ?" Er schien darüber mehr überrascht zu sein als über alles andere was er bisher über mich erfahren hatte.
"Ich kann nichts dafür, meine Eltern wollten es." Es war nicht gelogen, meine Eltern hatten gewollt, daß ich als Doktor graduierte. Ich hatte die Universität besucht, ich war immer mit dabei, bei den Demonstrationen auf dem Campus, gegen den Muff unter den Talaren, aber den Mief selbst wollte ich nie einatmen. Es hatte bisher auch immer so gelangt. Seien Sie doch mal ehrlich, fragen Sie nach dem Diplom wenn jemand sagt : "Ich bin Doktor " ?
Er beugt sich über den Tisch. Um die Diskretion zu steigern, flüstert er : "In der medizinischen Abteilung, sind Sie da auf den Geschmack gekommen ?"
Wenn er dachte, ich hätte etwas zu verheimlichen, so hatte er sich getäuscht, ich antworte laut : "Wer einmal Blut geleckt hat, kann nicht mehr davon lassen." Ich gieße mir einen Schuß Whisky in den Kaffee. Dann trinke ich schnell, um den Kaffee nicht kalt werden zu lassen.
"Doktor Pauli, ich heiße Richard." Er hält mir sein Glas entgegen.
"Du kannst mich Peter nennen", erwidere ich.
"Wann ?" Er blickt mich durch seine fetten Augen an wie ein Mülleimer den man nach zwei Wochen geleert hat.
"Achtzehn Uhr ." Ich sage es in einem Tonfall der keine Zweifel aufkommen läßt.

***

27.3.07 00:33, kommentieren

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APY & REMOTER - Fragmente einer Zukunft, von Uwe Kampmann

Am Abend hatte es begonnen zu regnen. Plötzlich, mit heftigen Windboen waren die Wolken gekommen. Der Donner hatte sich an den Felswänden zerschlagen. Hell zuckende Blitze waren vorangegangen. All dem waren dicke Regentropfen gefolgt. Die Tiere hatten sich verkrochen. Nach einer Stunde hatte sich der Boden in breiigen Schlamm verwandelt und alle Spuren, die der Tag gezeichnet hatte waren verwischt. Gemeinsam mit dem Wind war das Sommergewitter weitergezogen. Der Regen blieb noch zwei Stunden. Dann war es ruhig geworden. Die Bäume schimmerten dunkel wenn zwischen den Wolkenfetzen das fahle Mondlicht bis zum Boden gelangte.
Der Schornstein war geborsten, schon lange bevor das Unwetter über das Haus hinweggezogen war. Früher hatte man gewußt wie die Bewohner hießen, von denen das Haus errichtet worden war. Ihre Namen waren in Vergessenheit geraten. An der Nordseite hatte sich die Mauer gesenkt. Die Wand stand schief, trotzdem hielt sie noch das Dach. Grünliches Licht schimmerte aus den Fenstern des ersten Stockwerk. Darüber das Stockwerk lag im Dunkel. Die hölzerne Treppe, hinauf zum Eingang war morsch. Zwischen den Brettern der Veranda wucherte Gras. Wie Vorhänge hingen Spinnengewebe von den Decken. Sie umhüllten die Lampen, die seit Jahren nicht mehr am Stromnetz hingen. Es roch feucht und warm. Der Regen tropfte vom Dach. Im Kamin brannte ein Feuer. Im Nebenzimmer bewegte sich eine Tür. Ziehender Atem begleitete das Geräusch der Schritte. Dann wurde es still.
*

Sie stand an einem der Fenster im ersten Stock auf der Nordseite. Sie kämmte ihr Haar. Ihr Atem war ziehend. Der Flieder blühte vor dem Haus. Sein Duft vermischte sich mit den Fichten die etwas weiter entfernt standen. Der Boden atmete die Nässe der Nacht. Feucht roch das Süß der blauen Lilien. Sie lächelte. Ihre Hände glitten über ihre Brüste. Außer einem Spiegel war nichts in ihrem Zimmer. Sie war nackt und blies ihre Haare in den Wind.
Obwohl das Wort Jahre jede Bedeutung für sie verloren hatte, war zwischen ihren Schläfen die Erinnerung geblieben. Ihre Erinnerungen waren klar, so klar wie der See auf dem sie als Kind mit ihrem Vater gerudert war. Oft hatte er gefragt :"Was denkst du jetzt ?"
Sie war drei gewesen. Sie hatte gefragt, was es bedeutet drei zu sein. Sie hatte ihm aus ihrer Hand drei Finger entgegengestreckt
"Das du dreimal den Sommer erlebt hast", hatte er geantwortet. Er hatte gelacht.
*
Die Pfützen die am Morgen noch vor dem Haus gestanden hatten waren im Boden versickert. Über die Veranda schlich leise eine Schlange. Die Bäume wiegten sich sanft im Wind. Draußen auf dem See, hinter dem Schilf, wendeten die Boote.
Als Kind hatte ihr Vater manchmal ihren Onkel zu den Ruderfahrten mitgenommen. Onkel Carl, sie kannte noch seinen Namen obwohl der Name ihr nur noch wenig bedeutete. Carl hatte jedesmal seine Angel dabeigehabt. Er hatte Würmer auf einen Haken gespießt, die er dann an einer Leine in das Wasser warf und dann gesagte :"Ihr müßt jetzt ruhig sein."
Ihr Vater hatte nicht mal gewagt, wenn sie ihn ansah, zu fragen : "Was denkst du ?"
Dann, irgendwann hatte Carl die Stille durchbrochen und geschrien : "Ich habe einen !"
Sie waren oft sehr groß gewesen. Carl hatte sie mit einem Rundholz erschlagen. Den Haken hatten sie immer noch im Maul.
Als sie vier war, hatte sie bei einem Bootsausflug, als Carl auf einen Fisch eindrosch gefragt : "Wieviel Finger hat er ?"
"Finger ? Der hat keine Finger, der hat Flossen !", hatte Carl gerufen und nochmal zugeschlagen.
"Sie meint wie alt er ist", hatte ihr Vater gesagt.
"Alt genug um zu sterben", hatte Carl geantwortet.
"Ich habe Angst auch einmal sterben zu müssen", hatte sie gesagt. Ihr Vater hatte sich zu ihr gebeugt, war mit seiner Hand über ihr Haar gefahren und hatte erwidert "Vielleicht kann ich dir helfen."
*
Sie stand am Fenster und blickte auf den See. Die Boote fuhren fast in gleicher Linie. Die Segel waren prall gefüllt. An den Wendemarken schienen sie in sich zusammenzufallen. Sekundenlang, dann trieben die Boote in die andere Richtung.
Vor dem Fenster, schwirrte eine Biene. Sie flog ruckartig davon als sich ihr eine Zweite näherte. Johanna sah ihnen nach. Sie erinnerte sich an ihre Mutter.
"Werden Bienen älter als Fische ?"
"Ich glaube nicht, vielleicht wenn sie eine Königin sind, dann ja", hatte ihre Mutter geantwortet.
Nach einer Weile hatte ihr Vater hinzugefügt, "Bienenköniginnen haben eine Form der Unsterblichkeit entwickelt, sie leben weiter in jeder Biene."
Sie hatte ihren Vater angeblickt. Er war ihr mit der Hand, wie er es oft tat, über den Kopf, durch ihr Haar gefahren. "Vielleicht kann ich dir helfen," hatte er gesagt.
*
Dann waren sieben Jahre vergangen. Es war der Umbruch der Zeitalter, als ihr Vater den Nobel Preis für Chemie erhielt.
Ziehend zog sie ihren Atem ein und stieß ihn leise aus dem Fenster. "Sommer", sagte sie. Das Wort, drang vier Meter weit, dann verebbte es. Der Garten, das Haus blieben unberührt, der See lag weit entfernt. Sie streifte die Haare aus ihren Händen und blies sie in den Wind. Sie schwebten über den Flieder, verfingen sich im Apfelbaum und fielen auf das Gras. Einige Haare streiften den aufgeblühten Löwenzahn.
*
Ihr Vater war ein Jahr, nach der Entgegennahme des Preis gestorben, kurz darauf ihre Mutter.
Dr. Melbourne hatte sich auf ihren Vater berufen. Johanna hatte eingewilligt. Mit neuerungsmethodischen Experimenten war Dr. Melbourne dem geistigen Interesse der Firma für die auch ihr Vater gearbeitet hatte gefolgt, Unklarheiten in der Natur zu beseitigen. Das Ziel war, zu widerlegen das Leben Leiden bedeutet. Glück als Rausch zu kultivieren, den Tod aufzuheben, den Rausch nie enden zu lassen. Den Mensch mit göttlicher Unsterblichkeit zu segnen, neue Reagenzien zu vermischen bis zum Erfolg. Zweifel wurden durch neue Versuche ersetzt.
Ein halbes Jahr hatte ihr Dr. Melbourne einen genetisch aufbereiteten Hautfaktor von Mäusen injiziert. Fasziniert hatte er beobachtet wie ihr am ganzen Körper Haare gewachsen waren. Sechs Wochen später war sie von einem dichten Fell bedeckt. Wenn sie mit den Händen durch die Haare strich, fielen sie aus. Jede Berührung ließ blasse, kahle Stellen auf ihrer Haut erscheinen. Das erneute Wachstum der Haare setzte jedoch sofort wieder ein. Alle Mittel das Experiment rückgängig zu machen waren erfolglos gewesen. Um die unkontrollierte Weiterverbreitung dieses Experiment zu verhindern, erfolgte die Anmeldungen für das Patentrecht und kurze Zeit später ihre Unterbringung in der Alpha B 2 Fermentaregion. Dort war sie Remoter begegnet. Er war männlich registriert, mager und schnell beweglich. Er galt als UVB resistent. Hochdosierter ultravioletter Strahlung ausgesetzt zeigte seine Haut erst Veränderungen in der zweiten Versuchsgeneration. Das ihm an jeder Hand der Zeigefinger fehlte war schon von Geburt an so gewesen.
*
Dr. Melbourne lud sie häufig zum Kerzenlichtdinner in sein Bungalow ein. Dr. Melbourne registrierte sie anfangs als apathisch, später ließ er bei beiden die Psychopharmaka absetzen.
Johanna blieb ruhig, gelegentlich strich sie sich über die Augenbrauen, wenn die Haare so lang wurden, ihr den Blick zu versperren. Manchmal sagte Dr. Melbourne, sie habe schöne blaue Augen. Das ihr Gesicht behaart war schien er dabei zu übersehen, ebenso das Remoter an jeder Hand ein Finger fehlte und seine Augen doppelt so weit auseinanderstanden wie sonst bei einem gewöhnlichen Menschen. Dr. Melbourne empfand keine Schuldgefühle, selbst dann nicht wenn er im Gespräch Johanna und Remoter als bioreaktorische Nutzmenschen bezeichnete.
Remoter schien nie durch Zweifel an seiner Bestimmung durchfurcht. Gütig nickte er, wenn Dr. Melbourne erzählte wieviel Menschen sein Genfaktor vor dem Hautkrebs gerettet hätten. Dann starb Dr. Melbourne, einfach so, eines Tages ohne aufzuwachen und ein Assistent übernahm seinen Platz. Nach wenigen Wochen erhielt der Assistent den Titel eines Professors. Es blieb alles beim Gleichen bis der neue Professor nach dreißig Jahren starb und sein Nachfolger kam, das war vor nunmehr fünfzig Jahren.
*
Johanna blickte in den Wind der sanft ihre Haare davon trug. Draußen auf dem See wendeten die Boote. Sie blickte sich um und sah in den Spiegel. Dann begann sie sich zu drehen, streckte zuerst die Hände über den Kopf und begann zu tanzen. Zwei Schritte zurück, zwei Drehungen, zwei Schritte nach vorn. Dann die gleiche Schrittfolge, jetzt die Arme zu den Seiten gestreckt. Wie ein Vorhang hingen die Haare von den Armen herab, fast berührten sie den Boden. Blond, schön und mit Anmut vollführte sie die Schritte. Sie schloß die Augen. Noch einen Augenblick, dann wird sie zum See hinuntergehen und Remoter herbeiwinken. Zusammen werden sie zum Haus zurückkommen. Sie wird seinem Atem lauschen. Ihre Haare werden nachwachsen. Ihre Augen werden glücklich lächeln. Warum die Forscher nicht mehr kamen wußten sie nicht. Vielleicht gab es sie nicht mehr.



Später, nach dem Tod ihrer Mutter, sie hatten zurückgezogen in einem Haus in Michigan gelebt, war ihr bewußt geworden das sie kein Einzelfall war. Nach dem Tod der Gesellschafter, die in der Firma die Experimente betrieben hatten, wurden die Ausmaße der Versuche sichtbar. Wissenschaftlich wurde sie als Psychophysen bezeichnet. Vom Menschen abstammend, mit artfremden Merkmalen.
Man hatte versucht sie zur Fortpflanzung zu bewegen. Der Versuch wurde nach dreißig Jahren abgebrochen weil jede Form sexueller Betätigung unter den Psychophysen unterblieben war. Dann waren die Experimente an neuen Menschen wieder aufgenommen worden. Vorzugsweise nahm man Kleinkinder die von weiblichen Inhaftierten mit Samen fremder Spender befruchtet worden waren.
Sie war aus der ersten Generation der Versuche hervorgegangen. Für die sexuellen Experimente hatte man sie zusammen mit ihn auf eine Insel gebracht. Weder er noch sie hatten Interesse gezeigt sich geschlechtlich zu vereinigen. Ein Team von Motivationpsychologen und Chemikern waren auf die Insel abbeordert worden, sie wissenschaftlich zu begleiten. Nach zwei Jahren vergeblichen Wartens, war man dazu übergegangen, in einer langen Versuchsreihe mit stets neuen Mitteln, die stimulierend wirken sollten, zu einem Erfolg zu kommen. Audiovisuelle Reize, chemische Substanzen, führten weder zum Libido noch ließen sich Aggressionen beobachten.
Apy und Remoter,
Als die ersten Versuchspsychophysen drei Generationen ihrer Beobachter überlebt hatten wurde die Vermutung geäußert, daß ihre Körper unsterblich seinen. Als Folge wurde versucht, sie als Soldaten zu verwenden. Selbst mit Gaben von Drogen war es nicht möglich ihr Wesen zu verändern. Sie zeigten wie bisher in den Versuchen keine Anzeichen von Aggressivität. Der Krieg in den sie von den Vereinigten Staaten eingesetzt wurden drohte für die Regierung eine Niederlage zu werden. Nach hundertzwanzig Jahren wissenschaftlicher Beobachtung hatte man sie entlassen und ihnen das Tal gegeben.


Mit dem Zug wären es bis nach New York sechsundsechzig Stunden, bis nach Los Angeles zehn. Es wäre müßig gewesen zu versuchen nach irgendwohin eine Fahrkarte lösen zu wollen. Es gab hier keine Bahnstation und die nächste Straße war achtzig Meilen entfernt. Früher einmal hatte es einen für Planwagen zu befahrenden Weg hierher gegeben. Die jetzigen Bewohner hatten riesige Löcher in die Fahrspur gesprengt. Dann war man mit der Regierung übereingekommen das den Bewohnern das Tal gehören sollte. Anfangs war man nicht sicher gewesen, ob das Tal der dreiundfünfzigste Bundesstaat der USA werden sollte. Dann hatte man alles auf sich beruhen lassen. Die Mitteilungen waren seltener geworden.


Was vor mir lag und was ich verlassen hatte, beides gehörte zu einem und dem gleichen Planeten. Meine Füße hafteten auf ihm. Die Straße lag hinter mir. Den Mann an der Tankstelle hatte ich erschossen. Einfach so, er hatte nach Geld gefragt. Geld, was wollte er Geld. Ich hatte als einer der erster die Stadt verlassen. Geld war nur noch Papier oder Metall ohne Wert. Ich verscheuerte keine Gedanken daran nachdem es drei Tage nicht mal mehr Brot gegeben hatte. Jeder war bereit gewesen sich zu verkaufen oder hatte gehortet. Ich war weder gut für das Eine noch für das Andere. Ich hatte meinen Wagen genommen und mein Studium an den Nagel gehängt. Bevor ich meine Wohnung verlassen hatte, stach ich meine Vermieterin nieder. Ich benutzte mein Brotmesser. Es waren nur Sekunden gewesen. Ihre Vorräte in den Wagen zu laden hatte länger gedauert. Ich hatte sie einfach hinter ihrer Wohnungstür liegen gelassen. Mochten sich die anderen Mieter an ihr verköstigen.
Was mich noch mit der Stadt verband war meine Armbanduhr. Über Funksignale kam die richtige Zeit. Präzise und unabhängig, irgendwelche Zeit die mich nicht mehr interessierte. Über mir brütete die Sonne. Mein Wagen lag irgendwo hinter mir, nachdem ich den Highway verlassen hatte und in die Wüste abgebogen war und der Tank leergefahren war. Die Toten hatte ich hinter mir gelassen. Ich war auf dem Weg zu den Unsterblichen. Ich ging nach Süden.
Das ich nicht allein war, war nicht zu übersehen. Helle schmale Linien zogen sich vor meinen Füßen durch den Sand. Immer neu, zulaufend auf ein Zentrum, schmalen Spuren, tausende von Ameisen. Immer in Bewegung, irgendwelchen Aufgaben nachgehend, mit Straßen und Zentren, alles hatte bis zum Versagen funktioniert. Funktionierte immer noch, ich hatte keinen Zweifel an der Zeitangabe meiner Armbanduhr. Ich ging einfach über die Ameisen hinweg. Ich tötete viele unter meinen Sohlen. Seit Tagen hatte ich mich damit abgefunden ein Mörder zu sein. Einfach so, wie ich früher geglaubt hatte keiner zu sein.
Meinen Wasservorrat trug auf meinem Rücken in einem Rucksack. Ein Strohhut schützte meinen Kopf gegen die Sonne. Die Informationen über den Weg den ich einzuschlagen hatte besaß ich aus alten Zeitungen. Ich war darauf gestoßen als ich im Chronical Archiv gestöbert hatte. Sie stammten aus dem Jahr zweitausendeinhundertfünfzig. Studienmäßig war ich an dem Punkt angelangt gewesen, das Ende des Atomzeitalters und den Übergang zur Humanisierung zu betrachten. Natürlich hatte es darüber bereits Arbeiten gegeben, sie waren leicht zugänglich in den Landestelebibliotheken nur schienen mir alle Arbeiten aus zwei, vielleicht drei immergleichen Blickwinkeln verfaßt zu sein. Nachdem ich mich entschlossen hatte, die alte englische Schrift mit lateinischen Buchstaben zu erlernen, hatte ich begonnen in den alten Zeitungsarchiven herumzustöbern die man noch erhalten hatte, ebenso wie man den Petersdom und die Akropolis unter einer Glaskuppel archiviert hatte. Ich war schon graduierter Genius in den Bereichen Archäologie, Publizistik und Informatik als ich mich der Humanologie zuwandte um die Zeit vom Kriegsprimitivismus mit seiner ökofaschistischen Auflösungstendenz zur kapitaldominanten Demokratie zu erforschen. Der Zugang zu der alten Sprache machte es mir möglich mehr zu erfahren als was ich in den Lehrmitteln der Telebibliotheken finden konnte.
Vier Jahre hatte ich im Leseraum des Chronical Archiv verbracht. Nachdem ich die Genehmigung erhalten hatte es zu benutzen war ich täglich dorthin gegangen. Das einzigste Wesen das aussah wie ich und mir dort begegnete war der Pförtner gewesen. Während ich im Leseraum saß, saß er vor dem Telekommunikator in seiner Loge und betätigte sich mit eingebautem Joystick an den Spielshows. Er registrierte mich wenn ich ihm meine Identifikationskarte reichte, ansonsten sprachen wir nie miteinander. Am ersten Tag hatte ich den Eindruck mich in einem Labyrinth zu bewegen. Lange, schmale Gänge, zwischen hohen Regalen mit übereinander angebrachten Schubladen in denen Tonnen von Papier hingen.
Am zweiten Tag fand ich mich bereits zurecht. In allem steckte ein System. Die Zeitungstitel waren nach Ländern geordnet, die Gänge zwischen den Regalen nach Sprachen wobei mit wenigen Ausnahmen nur die Hauptsprachen vorhanden waren, von denen ich vier beherrschte. Ich nahm mir Zeit, Publikationen mit gleichem Datum in verschiedenen Sprachen zu vergleichen. So wie sich die Sprachen unterschieden so unterschied sich die Wahrheit, bis ich zu der Erkenntnis gelangte, es gibt keine Wahrheit.
Ich begann mich auch für die kleinen Zeitungsmeldungen zu interessieren. Alltägliches, Sekunden einer vergangenen Zeit, triviale Köstlichkeiten, normierte Herdentriebe, infantile Selbstbestätigung, Todesanzeigen und Horoskope. Besonders in diesen kleinen Meldungen fand ich eine antiquierte Berichterstattung die in der Masse die Suche des Einzelnen nach einem Ausweg erkennen ließ. Undenkbar für meine Zeit. Es gibt heute weder unkontrollierte Geburten noch sonst etwas was wir nicht kontrolliert vor Augen haben. Wir, - ich bin dazu ausgebildet meine Arbeit in globalen Planungswesen zu verbringen. Traueranzeigen gibt es heute genausowenig wie es noch das Papier gibt auf denen früher die Zeitungen gedruckt wurden. Der Tod, eine Umfrage vor wenigen Tagen hatte es ergeben, steht in der Wunschliste der führenden Mitglieder der regierenden Globalplaner an erster Stelle.
Die Umkehrung, zurück, es wäre sinnlos gewesen. Zurück zur Tankstelle, der Highway war kaum noch befahren gewesen, vielleicht hätte ich mir ein Auto zurück in die Stadt nehmen können. Irgendwann wäre ich auf die gestoßen die nach mir hatten versucht zu entkommen. Ich hatte kein Interesse ihnen zu begegnen. Wahrscheinlich standen an den Zu - und Ausfahrten inzwischen Patrouillen, Menschen die über Dienstwohnungen, Waffen, Uniformen und telematische Medien verfügten. Die Wüste jagte mir weniger Furcht ein. Ich ging weiter. Ich wimmelte die Gedanken ab die hinter mir lagen. Es war heiß, trotzdem es war kein Sommer mehr. Ich war froh alles hinter mir zu wissen und meinte es zu schaffen. Ich blickte auf die Ameisen. Im Weitergehen trat ich auf immer neue Staaten. Bräche ich zusammen, sie würden mich zernagen. Stück für Stück mich in kleinen Teilchen davontragen. Ich würde ihren Staat am Leben erhalten. Sie würden durch meinen Mund, durch meine Nase in mich dringen, meine Augen aushöhlen. Stück für Stück würde ich Teil von tausenden von Ameisen. Wütend trat ich jede nieder, oft einige Dutzend mit jedem Fußtritt. Ich rächte mich an der sengenden Sonne, daß ich tausende von Toten hinter mir ließ. Das Wasser trank ich im Gehen um keinem der Tiere die Möglichkeit zu geben an mir festzuhalten. Mit jedem Schluck spürte ich einen Schritt schneller gehen zu müssen. Als die Sonne den Horizont berührte begann ich zu rennen. Meine Uhr gab mir Signale. Der Summton besagte, jeder habe die Straße zu verlassen um die Ordnung aufrecht zu erhalten.
Vor zwei Tagen war ich noch daran gebunden gewesen. Zwei Stunden vor der allgemeinen Aufforderung gab es einen Glockenruf. Jeder der in der höheren Planungsebene beschäftigt war, trug einen Glockentuner. Es gab dieses Glockengeräusch als Aufforderung rechtzeitig seine Wohnung aufzusuchen. Für die anderen gab es ohne Vorwarnung nur den Summton ihrer Armbanduhren, in den Bunkern zuverschwinden. Wer auf den Summton angewiesen war hatte drei Minuten Zeit die Straßen zu verlassen. Danach wurde geschossen. Wohnungen wurden dadurch frei, die Kleidung der Toten gelangte in die Geschäfte, ihr Fleisch wurde verarbeitet und ihre Knochen naturierten die Lebensmittelzusätze. Ausweispapiere hatten schon lange ihre Gültigkeit verloren.
Ich hatte daran nichts falsch gefunden, so lange ich zu essen hatte. Dann hatte es im Telekommunikator geheißen : "Die Staatsleitung verlangt von ihren Assistenten einen dreitägigen Nährmittelfastentag zur Weckung von Ideenreichtum und Innovation."
Begeistert war ich darauf eingegangen, auf die zwei Schüsseln Haferschleim am Tag zu verzichten. Hunger hatte ich nie vorher verspürt. Wenn es der geistigen Ertüchtigung dienen sollte, war ich bereit darauf zu verzichten. Durch diese Maßnahme sollten die Tüchtigsten weiter entwickelt werden um sie von den Schwachen zu trennen.
Ich war zu Mrs. Lovence gegangen und hatte sie aufgefordert mir nur noch vier Scheiben Brot zuzubereiten.
"Sie sind der Erste der zu mir kommt", sagte sie.
Am gleichen Abend kam die Schutztruppe und holte Brian Forster, Mike Taylor, William Gloski und Fery Mc Donald ab.
Mrs, Lovence erwähnte es nur beiläufig. Ich solle mich nicht wundern, neue Nachbarn zu bekommen. Ich hatte nichts bemerkt.


Nicht das Recht auf Arbeit sondern das Recht auf das Verbrechen war in der neuen Verfassung festgeschrieben. Freiheit bedeutete sich keinen Gesetzen unterstellen zu müssen.

So war es gewesen, doch jetzt sah ich sie, von denen ich wusste das es sie gab.

Ich blickte sie an und sagte : "Ihr seid schön und habt das Leben."
Apy und Remoter fielen sich in die Arme . Sie hielten sich fest. Tränen liefen aus ihren Augen.
Ein Mann mit acht Brüsten, legte mir seine vierfingrige Hand auf die Schulter und sagte. "Komm , ich bringe dich zurück, wo das Sterben Leben ist."
"Und wenn ich nicht will?"
"Hierbleiben, bei uns ?"
"Warum nicht."
"Du gehst."
"Warum ?"
"Weil du stirbst."
"Aber bis dahin?"
"Verschone uns vor deinem Ende, weil wir es nicht können."

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TAHITI

Uwe Kampmann
Buchrainweg 135
63069 Offenbach
Allemagne


17863 km jusqu´ à Tahiti
une nouvelle
de
Uwe Kampmann


L´hôtel est à dix mètres du bord de la Seine. J´ai trouvé où loger avant la tombée de la nuit. A l´hôtel des "Riverains", au village de La Tombe sur Seine. Ma bicyclette est restée dans la cour. L´hôtelier parle un peu l´allemand; ce soir je suis invité à paytager le repas du couple Harman. Au menu: Six sorte de fromages, du pain, du beurre, des raisins,une poire et une pèche, le tout accompagné d´un litre de vin rouge.
Monsieur Harman me raconte la vie de sa femme. Elle travaille depuis soixante ans. Elle souffre des courbatures, conséquences des longues années de dures travaux, le ventre ne va pas mieux. Elle est assise un peu à l´écart lisant un journal, le nez chevauché d´une paire de lunettes: elle ne parle pas l´allemand. Monsieur Harman se lève sort ferme les volets. Un homme entre: blouson de cuir, col de fourrure, pantalon de velours, bottes en caoutchouc, coiffé d´un bonnet de laine. Le vieux Harman lui sort un verre de cidre, une boisson à vous assomer un boeuf quand on dépasse la dose.
"Ca va ?" lui demande l´hôtelier.
"Non, pas mal d´ennuis."
Ce matin il avait pris quelques poissons dans ses filets. Son fils avait emmené la prise l´après-midi à Bray, le village voisin pour la vendre. Le pêcheur calcule ses revenus en déduisant les frais d´essence. S´íl y était allé à vélo, cela aurait coûté moins cher, mais en voiture ? Le plus inquiètant est que le fils n´est pas encore revenu, il avait pris la voiture sans permission. Le pêcheur a peur, il cherche à se consoler en avalant un autre verre de cidre. Son corps porte les marques de son dur métier, son visage celles de l´álcool, son unique plaisir. Il rentre chez lui la tête pleine des problèmes noyés dans le cidre.
"Ma femme est malade. A Tahiti, les filles sont belles", dit Harman avec une pointe de nostalgie dans la voix. Il me montre le calendrier accroché au mur. Il prend une bouteille de bière sur l´étagère, une bière de Tahiti. Sur l´étiquette, on peut voir des palmiers et la couleur du ciel bleu qui se reflète sur la mer calme. Je pense à Paul Gauguin. "Très exclusif", lui dis-je.
"Oui, très excusif", il répond.
On freppe à la porte.
"Ouvre", dit-il à sa femme.
"Je croyais que c´était fermé", répond sa femme.
"Ouvre donc !", lui crie-t-il. Victorine s´exécute. Le pêcheur ce tantôt soucieux qui avait oublié ses cigarettes, les reprend et sort. Ses yeux striés de rouge montre que le fils n´est pas encore rentré, il en a profité pour éclusé encore un verre, qui risque ne pas être le dernier de la soirée: les états d´âme se noient le plus souvent dans l´alcool.
Monsieur Harman repète comme pour lui-même: "Ma femme est malade. A Tahiti, les filles sont belles.", avec cette melancolie qui sonne dans la voix de tous ceux qui vivent leur crépuscule.Je jette un coup d´oeil sur le calendrier accroché au mur. Monsieur Harman sourit tristement et dit: "Tahiti, c´est à 17863 km", une manière de m´inviter à aller à Tahiti.


fin


La traduction de cette nouvelle fait Monsieur Lothar

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