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TAHITI

Uwe Kampmann
Buchrainweg 135
63069 Offenbach
Allemagne


17863 km jusqu´ à Tahiti
une nouvelle
de
Uwe Kampmann


L´hôtel est à dix mètres du bord de la Seine. J´ai trouvé où loger avant la tombée de la nuit. A l´hôtel des "Riverains", au village de La Tombe sur Seine. Ma bicyclette est restée dans la cour. L´hôtelier parle un peu l´allemand; ce soir je suis invité à paytager le repas du couple Harman. Au menu: Six sorte de fromages, du pain, du beurre, des raisins,une poire et une pèche, le tout accompagné d´un litre de vin rouge.
Monsieur Harman me raconte la vie de sa femme. Elle travaille depuis soixante ans. Elle souffre des courbatures, conséquences des longues années de dures travaux, le ventre ne va pas mieux. Elle est assise un peu à l´écart lisant un journal, le nez chevauché d´une paire de lunettes: elle ne parle pas l´allemand. Monsieur Harman se lève sort ferme les volets. Un homme entre: blouson de cuir, col de fourrure, pantalon de velours, bottes en caoutchouc, coiffé d´un bonnet de laine. Le vieux Harman lui sort un verre de cidre, une boisson à vous assomer un boeuf quand on dépasse la dose.
"Ca va ?" lui demande l´hôtelier.
"Non, pas mal d´ennuis."
Ce matin il avait pris quelques poissons dans ses filets. Son fils avait emmené la prise l´après-midi à Bray, le village voisin pour la vendre. Le pêcheur calcule ses revenus en déduisant les frais d´essence. S´íl y était allé à vélo, cela aurait coûté moins cher, mais en voiture ? Le plus inquiètant est que le fils n´est pas encore revenu, il avait pris la voiture sans permission. Le pêcheur a peur, il cherche à se consoler en avalant un autre verre de cidre. Son corps porte les marques de son dur métier, son visage celles de l´álcool, son unique plaisir. Il rentre chez lui la tête pleine des problèmes noyés dans le cidre.
"Ma femme est malade. A Tahiti, les filles sont belles", dit Harman avec une pointe de nostalgie dans la voix. Il me montre le calendrier accroché au mur. Il prend une bouteille de bière sur l´étagère, une bière de Tahiti. Sur l´étiquette, on peut voir des palmiers et la couleur du ciel bleu qui se reflète sur la mer calme. Je pense à Paul Gauguin. "Très exclusif", lui dis-je.
"Oui, très excusif", il répond.
On freppe à la porte.
"Ouvre", dit-il à sa femme.
"Je croyais que c´était fermé", répond sa femme.
"Ouvre donc !", lui crie-t-il. Victorine s´exécute. Le pêcheur ce tantôt soucieux qui avait oublié ses cigarettes, les reprend et sort. Ses yeux striés de rouge montre que le fils n´est pas encore rentré, il en a profité pour éclusé encore un verre, qui risque ne pas être le dernier de la soirée: les états d´âme se noient le plus souvent dans l´alcool.
Monsieur Harman repète comme pour lui-même: "Ma femme est malade. A Tahiti, les filles sont belles.", avec cette melancolie qui sonne dans la voix de tous ceux qui vivent leur crépuscule.Je jette un coup d´oeil sur le calendrier accroché au mur. Monsieur Harman sourit tristement et dit: "Tahiti, c´est à 17863 km", une manière de m´inviter à aller à Tahiti.


fin


La traduction de cette nouvelle fait Monsieur Lothar

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Bronxmusic - american stories

Uwe Kampmann
Buchrainweg 135
D - 63069) Offenbach



Exposé


Roter Faden ist die Reise eines jungen Mannes durch die USA, der auf einer Party leichtfertig äußert: "Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York." Niemand weiß, daß er außer Schulaufsätze und Postkarten bisher noch nichts geschrieben hat. Man beginnt sich um ihn zu reißen. Jeder will ein Teil in seiner Geschichte werden und so beginnt er zu schreiben.

Von New York führt die Reise in den Süden der USA, von dort nach Arizona durch die Wüste, nach San Francisco. Begegnungen am Straßenrand wachsen zu bewegten Geschichten. An manchen Orten verwandelt sich Traurigkeit zu schönster Musik, an anderen Stellen zerbricht die Seele im unendlichen Leid menschlicher Grausamkeit.



BRONXMUSIC
von
Uwe Kampmann


Beginn einer Reise durch die USA. American stories :
Ein Mann der in New York beginnt ein Schriftsteller
zu werden.



Lifestyle


New York ist eine Stadt, in der man vor Einsamkeit erfrieren kann, wobei es unwesentlich ist, zu welcher Jahreszeit man sich hier aufhält. Was heute hip, ist morgen ex, zwischendrin macht man hop, so gut man es kann, um mit dabei zu sein. Illusionen sind hier mehr als nur Träume. Am besten jung, nicht zu jung, aber alt genug sollte man sein und selber einige Dollar in den Taschen zu haben.
New York ist ein Ort wo "leben" jung sein heißt. Wem diese Philosophie nicht behagt, sollte dieser Stadt aus dem Weg gehen. Alt fühlt man sich hier, wenn einem die Joggingschuhe nicht mehr passen. Wer es sich leisten kann, verläßt bis dahin die Stadt, andernfalls sind die Chancen gut, in irgendeinem der fünf Stadtteile zu verkümmern welche die Größe europäischer Großstädte besitzen.
Die Arbeit und die Jagd nach dem Dollar und die Begeisterung für den Football bestimmen den Rhythmus der Stadt. Wichtig ist das Gefühl dabeizusein, wenn neue Namen genannt werden und einer es geschafft hat, aus dem Mainstream emporzusteigen, wenn neue Bilder die Kataloge der Galerien schmücken und ein neuer Sound die Musik belebt.
Man braucht eine Menge Eigenschaften, um mehr als nur zu überleben. Aktivität, dynamische Ellenbogen, Inspiration, experimentelle Ideen und dazu einen Ausdruck ewig währenden Glücks im Gesicht.
Alles ist hier nicht genug. Größe ist nur dazu da, um als immerwährende Herausforderung über sich hinauszuwachsen, ein ewiger Anreiz, dem Stillstand zu entgehen, Farben noch bunter zu gestalten, Grenzen bis hinter den Horizont zu verschieben.
Denen, die den Rhythmus dieser Stadt lieben, zu begegnen, ist kein Problem. Man muß ein bißchen hip und ein bißchen mehr noch hop sein. Um ihr Händeschütteln und ihre Einladungen zu erlangen, genügt es mir, auf ihre Frage: "How do you do ?", zu antworten: "Danke, ich habe Zeit und Geld."
Ich bin erst seit kurzer Zeit in New York.
Die Hälfte meiner Zeit verwende ich damit herumzulaufen, die Stadt und alles, was zu ihr gehört, kennenzulernen. Die andere Hälfte verbringe ich damit, einen Schlafplatz für die Nacht zu finden.
Mit meinen Finanzen verhält es sich ähnlich. Von dem, was mir für einen Tag zur Verfügung steht, und das ist nicht viel, verwende ich die eine Hälfte, um mich zu ernähren und mein Äußeres in Form zu halten, und die andere Hälfte gebe ich nicht aus. Somit streckt sich mein Geld, und mir bleibt Zeit, um ein weiteres Mal antworten zu können :"Thanks, I´ve got money and I´ve got time."
An manchen Tagen bekomme ich so viele Einladungen, daß ich weder Geld benötige, um mir etwas zu essen zu kaufen und mich genausowenig darum kümmern muß, wo ich die Nacht verbringe.
In dieser Stadt in der man mehr als woanders sagt :"Zeit ist Geld", hier wo alles big, funny und exciting ist, leiste ich es mir, das zu haben, worüber die wenigsten verfügen: ich besitze Zeit und Geld.
Inzwischen benötige ich einen Terminkalender, um keine Party zu verpassen. Meine Krawatten sind von Valentino, meine Schuhe von Gucci, den Namen meines Schneiders verrate ich nicht, und seitdem sich herumgesprochen hat, das ich Lagerfeld für eine Gruftmumie halte, sucht man meinen Rat.
Hier, wo ich verkehre, ist das Neue gefragt. Tollheit wird als Avantgarde gehandelt. Abgehoben vom Mainstream nennen wir uns Jetstream. Psychopillen schaffen Wohlbefinden. Wir genießen das Kribbeln in der Nase, wenn das Koks hält was es verspricht. Die Türen der Realität hinter uns zuschlagen läßt Träume zur Wirklichkeit werden. Einige von uns sind Profis an der Börse, andere betreiben Galerien, stets umgeben von einem Anhang bunter Clownerie.
Ich schmeichle ihnen, indem ich sage, die New Yorker Philharmonie sei das beste Orchester, das die Welt vorzuzeigen hat, und das Guggenheim Museum nicht zu überbieten.
Ich mache die Leistung anderer zum Teil meiner Gesprächspartner, so, als wäre alles ihr Besitz. Ich bewahre den Schein, verschenke ihn als Sein, gehe großzügig damit um, denn schließlich habe ich Zeit und Geld.
Irgendwann werde ich mich verabschieden. Diese Kitschfiguren der Moderne, dieses Elend und diese Armut hinter mir lassen und zurückgehen, dahin, wo ich alt werden will.

*

Gestern rief mich Marge an. Sie hatte mich unter der Telefonnummer von Toni und Ellen erwischt. Ich hatte am Pool gesessen als der Diener mit dem Telefon gekommen war.
"Keine Party, Marge ", hatte ich gesagt, "ich sitze hier an einer Geschichte. Na klar, du kommst auch darin vor. Verdammt, Marge, halt mir die Leute vom Leib."
Sie wollte mich unbedingt irgendwelchen Leuten vorstellen. Mein Argument, sie könne so nie einen Platz in der Geschichte finden, hatte sie überzeugt, mich heute in Ruhe zu lassen, schließlich schreibe ich meine Geschichten nicht im Stehen bei irgendeinem Cocktailempfang, sofern ich überhaupt etwas schreibe.
Beutehungrig, wie eine habgierige Meute von Bluthunden waren sie über mich hergefallen. Als wäre ich der erleuchtete Mittelpunkt ihres faden Alltags, heulten sie mir einem Rudel Wölfen gleich ständig in den Ohren. Fast schien es mir, sie nagten sie mir ab. Zur gleichen Familie gehörten diejenigen, die mich wie Schakale umschlichen. Ich spürte ihr Verlangen, sich mir zu nähern. Ein leicht dahingesagtes :"Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York ", war der Grund all dessen, was ich jetzt zu erleben bekam.
Hatte ich bisher meine Rolle beherrscht und meine Umgebung als harmlose Kulisse betrachtet, so hatte sich jetzt alles ins Gegenteil verkehrt. Aus den Kulissenwänden heraus schienen Hände nach mir zu greifen, mich festzuhalten, mich an sich zu ziehen, Stimmen, die mit ihrem Verlangen meine Ohren tamponierten und Zungen, die begannen, meine Schritte zu lenken.
Jeder wollte einen Teil, aber nur ein Teil von mir war nicht genug, schließlich war man in dieser Stadt, alles wollte man haben und das war noch zu wenig.

Die ersten vierzehn Tage, nachdem mir dieser eine Satz, "Ich schreibe ein Buch über New York" über die Lippen gekommen war, hatte ich bei Marge gelebt, in ihrer Villa, mit Chauffeur, Swimmingpool, eigenem Strand, verborgen hinter einem Dschungel aus Rhododendron, weit draußen auf East Long Island, sechzig Meilen östlich von Manhattan in den Hamptons.
Die Gegend ist hip.
Hampton gilt unter den Reichen als das schönste Dorf der USA. Man ist hier unter sich. Wer sich betrinken will, fährt rüber nach Bridgehampton zu Bobby Vans Restaurant. Die Krankenschwestern ein Stück weiter im Southhampton Hospital kennen sich aus. Die Ausnüchterungszellen heißen dort medizinische Ferienwohnungen, in denen sich Schauspieler, Verleger und die poeple der New Upperclass treffen.
Die Hamptons sind vermögenstechnisch eine Verlängerung der Wallstreet, nur schöner, heller, duftiger und im Trend. Trendy ist, wer hier ein Haus besitzt.
Geld ist hier nicht der Rede wert.
Marge hatte mich hierhergeholt, damit ich schreiben sollte. Jeden Tag sollte ich ihr etwas Neues vorlesen. Mein Problem war nur, bisher hatte ich kaum geschrieben, außer gelegentliche Postkarten.
Der Satz "Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York", hatte mich völlig aus meiner Bahn geworfen.
Bevor ich dazu kam, einen Satz zu Papier zu bringen, hatte mir Marge gezeigt, wie sehr sie mich mochte.
Marge war gleich in der ersten Nacht gekommen. Gierig hatten wir unsere tropische Hitze geatmet. Ihre glasigen, grünen Augen hatten durstig nach mehr verlangt. Wie ein aufgewühlter Ozean hatte sie auf mir gesessen. Ich hatte es mit ihr aufgenommen, und wir versanken in der Flut. Erschöpft fielen wir in den Schlaf, um beim Erwachen gleichermaßen zu beginnen.
Marge war auch hier ein Stück New York. Viel war nicht genug, und alles war zu wenig, es mußte mehr sein. Unaufhörlich hatten wir Worte geflüstert, Berührungen gewechselt und uns angeschaut.
Ich verspürte Gefühle wie im Aufzug des World Trade Center. Im Aufzug hinauf und hinunter zujagen, fünfhundert Meter in der Minute. Es legte sich flach auf den Magen und prallte bis hinunter in die Knie, flog das Rückgrad hinauf und erschien wie ein riesiger Kreis im Kopf und schien dabei fast sanft die Haut zu zerfetzen. Ich ratterte wie ein Dampfhammer, während über ihr Gesicht ein Lächeln flog, das Wangen und Nasenflügel erzittern ließ.
Vierzehn Tage hatte ich es ausgehalten. Keine einzige Zeile hatte ich zu Papier gebracht. Marge hatte mich deswegen angeschrien. Den Rest hatte sie mir mit dem Verlangen gegeben, zitronengelbe Hosen und weiße Schuhe zu tragen. Jeder, der in den Hamptons zur Gesellschaft gehörte, trug dieses Zeug in diesen Farben. Als Marge darauf bestand, daß auch ich so herumzulaufen hätte, vernichtete ich die Hose und die Schuhe mit einem Messer. Ich hasse es, uniformiert zu werden.
Ich blieb noch zwei Tage, merkte aber, daß ich unter solchen Voraussetzungen nicht schreiben konnte, und ich wollte schreiben. Schließlich war ich der Mann gewesen, der gesagt hatte: "Ich bin Schriftsteller und schreibe ein Buch über New York", und dazu gehörten auch die Hamptons, diese Ansammlung von zehn Dörfern auf Long Island, deren gesellschaftliches Leben sich nicht von dem in Manhattan unterschied, außer das man hier zitronengelbe Hosen und weiße Schuhe tragen mußte.
Ich war einfach gegangen, hatte alles hinter mir gelassen: Marge und die Villa.
Ich ging hinunter zum Strand, meilenlanger, weißer, feiner Sand. Ich war nicht einmal wütend. Unmöglich, in dieser Umgebung, sechzig Meilen östlich, der schwülen, feuchten Hitze entkommen. Weit entfernt von den baumlosen Straßenschluchten der Stadt New York.
Hier glich alles einer Sommerresidenz, wo nur Platz zur Erholung blieb. Hier, wo ich ging, war ich fern vom hektischen Straßenlärm, abseits von jedem Small talk, allein mit dem Schrei der Möwen, dem leisen Rauschen der Wellen und dem Wind, der sanft meine Haut unter dem blauen Licht des Himmels kühlte.
Zwei Tage und zwei Nächte blieb ich am Strand. Und dann holte ich mein Heft hervor und begann zu schreiben. und fand Ruhe und den Anfang zu schreiben.
Nichts, was ich vermißte, ich schien alles zu besitzen. Die Worte kamen von selbst, abgelöst in den Pausen von Träumen.
Ich verpflegte mich an einem Kiosk, ansonsten vermied ich jede Begegnung mit den Menschen. Am Morgen, in der aufgehenden Sonne, holte ich den Schlaf nach, den mir die Kälte in der Nacht geraubt hatte, und doch waren es die Gedanken und die Stille der Nacht, die ich am Tag auf das Papier brachte.
Ich dachte an New York.

Ich lächelte still und fuhr mir mit der Hand durch das Haar als ich Marge am dritten Tag wiedertraf.
Sie war aus Angelas Boutique gekommen. Ich folgte ihr. Ich wollte sie überraschen, sie in ein Café einladen und ihr vorlesen. Ich ging so dicht hinter ihr, daß ich ihr hätte auf das Fersenband ihrer Sandalen treten können. Ihr kupferrotes Haar bewegte sich im Wind, der vom Meer her wehte und sich an ihr festzuhalten schien.
Plötzlich hatte sie sich umgedreht, mich in die Arme genommen und mich mit ihren grünen Augen, ihrem sinnlich harten Mund und ihrer erdigen Stimme angelacht.
Ich stand da, unrasiert, meine Tasche in der Hand und sagte: "Marge, ich habe angefangen, über dich zu schreiben." Ich holte aus meiner Tasche das Heft hervor und fügte entschuldigend hinzu: "Vorerst nur Notizen, das Buch kommt noch. Komm laß uns in ein Café gehen, ich will dir vorlesen."
"Nicht hier", erwiderte sie und winkte ihren Chauffeur herbei.
Wir hatten es nicht weit.
Bevor ich dazu kam, das Heft noch mal in die Hand zu nehmen, hatte Marge schon die Kleider abgelegt.
Ich war auch wieder froh, sie so zu sehen. Wir zeigten uns auf eine ganz zuverlässige Weise was wir aneinander mochten. Sie, meine Art, wie ich mir Zeit ließ, und ich die Art, wie sie Frau war.
Wir lagen auf lila Seide, hatten das Fenster weit geöffnet und hielten Sektkelche in den Händen. Ich ließ den Champagner kalt über sie hinweglaufen und trank von ihren Brüsten während sie stöhnte und sagte: "Ich hasse New York. Darum bin ich so oft hier."
Ich sah sie an, ohne zu sagen, was ich dachte. Es war nur der Augenblick, der uns bleiben würde.
Ich glaube, jetzt zu sterben, würde mir nichts ausmachen. Woanders würde ich dem Tod auch nicht entgehen können.
Liebte ich Marge ? Um ehrlich zu sein, nein.
Und sie mich ?
Ich machte mir darüber keine Gedanken. Wir sind hier in New York, wo der Lifestyle so übersatt und doch immer hungrig ist.
Nur der Augenblick hat eine Chance, ansonsten ist nichts von Bestand schon gar nicht das, was heute ist.
Das Leben ist eine Illusion, nirgendwo war ich dieser östlichen Erkenntnis so nahe wie in New York.
Es war früher Nachmittag. Vom Meer wehte eine sanfte Brise und brachte Abkühlung für den Abend.
Die Klimaanlage arbeitete gleichmäßig und leise. Das Telefon war abgestellt. Der Chauffeur und die Köchin hatten frei bekommen.
Ich warf einen Blick auf Marge, wie sie ausgestreckt neben mir lag.
Es war abzusehen, Marge würde ihr Gesicht verlieren, irgendwann, im Grunde nur eine Anzahl von Tagen entfernt, bis ein Schönheitschirurg das berühren würde, was ich an ihr mag. Marge würde ewig jung sein und irgendwann alt sterben.
Ich biß ihr sanft ins Ohr, und flüsterte: "I love New York."
Ich spürte ihren matten Atem, drehte mich um und verschwand in meinen Träumen.

*



Flatbush Brooklyn


Ich sitze in Bronwsville, weiter südlich liegt Flatbush, immer noch zu Brooklyn gehörend. Brooklyn könnte auch die Herberge vieler mittelgroßer Städte sein und doch ist es nur ein Teil von New York, so groß wie Berlin.
Von den rostigen Feuerleitern tropft der Rest des vergangenen Regen. Der Glanz der Fassaden ist seit langem verschwunden, falls es hier je so etwas davon gegeben haben sollte. Der Regen frißt sich in den Rost herumstehender Autokarosserien.
Ich sitze auf einem Haufen zusammengetürmter roter Ziegelsteine, auf einem Trümmerplatz umgeben von ausgehöhlten Hausruinen. Roter Backstein und rußgeschwärzte Mauern, Dosen, Papier, Kanister und alte Autoreifen, verwachsen mit Unkraut zwischen eingerissenen Hinterhofwänden.
Ich werde aufstehen und wiederkommen. Schon morgen. Die gleiche Aussicht, einfach hier sitzen und meinen Augen, meinen Ohren, meiner Nase, einfach dem allem Platz geben. Genauso gut könnte ich auch woanders hingehen. Es gibt mehr als genügend Ort in New York die diesem gleichen.

*

Ich wohne jetzt bei Toni und Ellen am anderen Ende von Brooklyn, wo alles anders ist.
Meilenlanger Asphalt. Ich gehe an Straßenblöcken entlang die Supermärkte für Prostitution und Rauschmittel sind. Vorbei an Vierteln deren Gesichter die Unterschiede der Herkunft ihrer Bewohner beschreiben.
Chassidische Juden in schwarzen Mänteln, mit gelockten Haaren die wie Korkenzieher bis unter die Ohren reichen. Bärtige Gesichter unter dunklen Hüten wechseln ab mit bunten Kaftane, stolz daherschreitend, wie vom Wind getragen. Gelegentlich ein Turban der einen Sikh erkennen läßt. Alte Gesichter mit fehlenden Zähnen, brüchig wie die Hausfassaden.
Die Annäherung unter den Jüngeren ist sichtbar. Nike Turnschuhe, oft um Nummern zu groß. Jeans und T -shirts.
Die Nachfrage der Kids nach Geld ist leise, aber nicht zu überhören. "Come, I need money. You can fuck me around the corner." Crack ergänzt das Angebot.
Es ist Nachmittag.

*

Ein Zeichen mich Flatbush zu nähern sind die verschwindenden Schlaglöcher im Straßenbelag. Allmählich beginnt grüner Rasen die kleiner werdenden Häuser zu umgeben. Der Abfall in den Straßen hat sich in ein Nichts verwandelt. Die Hecken sind formvollendet geschnitten und ich höre aus den Bäumen Vögel zwitschern.
Ich wohne in einem Haus im Kolonialstil, mit einem Vorbau der von Säulen getragen wird. Je breiter der Rasen zwischen Straße und Haus, um so größer ist der Hinweis auf vorhandenen Wohlstand. Demnach lebe ich nicht schlecht.
Hinter dem Haus im Garten gibt es einen Swimmingpool, ebenso selbstverständlich gehört ein Zimmermädchen und eine Köchin zum Haushalt. Der Gärtner kommt zweimal in der Woche. Ich muß mich um nichts kümmern.
"Damit du in Ruhe schreiben kannst", hatten Toni und Ellen gesagt. Marge hatte mich gehen lassen, nachdem ich in zehn Wochen keine Zeile zustande gebracht hatte, und ich darauf bestanden hatte, Ruhe vor ihr zu bekommen um endlich mit dem Schreiben fortzufahren.
"Verdammt, dann geh in die Dünen, in die Nacht und Kälte wenn du es bei mir nicht aushältst !", hatte sie mich auf einer Party angeschrien.
Toni und Ellen waren einfach gekommen und hatten gesagt :"Hör zu, wir haben Platz, du störst uns nicht und wir werden dich in Ruhe lassen."
Netter und freundlicher hätte das Angebot nicht sein können.
Schon der erste Eindruck bei ihnen hatte mir vermittelt, es hier schaffen zu können, für den Anfang der Geschichte eine Fortsetzung zu finden, hier am südlichen Ende von Brooklyn, wo bereits die Luft des Atlantik zu spüren ist.
Flatbush, auch wenn es spießig und aufgeräumt wirkt, so ist es doch ein Teil von New York, dazugehörig wie der Sirenenstoß der Schiffe welche die Peers anlaufen, ebenso wie die Enge zwischen den Wolkenkratzern, die Grafitti auf den U-Bahnen und allem hip und hoppen und kaputtem was diese Stadt ausmacht.
Die Ruhe, das Grün, irgendwie gibt Flatbush mir das Gefühl auf einem Friedhof zu leben, mit einem Scotch am Swimmingpool zu sitzen und die Zeitung gebracht zu bekommen, in der ich lesen kann, was zwischen den Häusern von Manhattan geschieht, die ich von hier, sich hinter der Gartenhecke hoch in den Himmel strecken sehe.
So wie die Stadt anderswo, italienisch, irisch, jüdisch, griechisch, afrikanisch, caribisch oder chinesisch wirkt, so scheint sie hier, deutsch, englisch und holländisch zu sein. Gestutzte Hecken, geschnittener Rasen, gewaschene Autos, Bügelfalten und weiße Hemden, Hunde an Leinen, Frauen die sich an Kochrezepten erfreuen können, auf ihre Männer warten und auf die Pünktlichkeit der Müllabfuhr achten.
Inzwischen haben Toni und Ellen mehrmals gewünscht, in dem was ich über New York schreibe auch erwähnt zu werden.
"Na klar ", erwidere ich jedesmal. Na klar, auch sie fangen jetzt an, an mir wie an einem Hundeknochen zu nagen.
Irgendwann werde ich sie verlassen. Sie, Marge, die Anderen, Flatbush mit dieser Gemütlichkeit eines Kaffeewärmers, diese Bequemlichkeit die zur Trägheit führt, die Sinne einschläfert, die Reflexe ermüden läßt und alles zur Selbstverständlichkeit gerinnen läßt.
Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut bald weiterzuziehen. Wann das sein wird ? Irgendwann, vielleicht schon morgen. Ich werde es ganz meinem Gefühl überlassen.

*



Gartenparty in Brooklyn


Die Bedingungen sich zu präsentieren sind günstig. Im Garten stehen weiße Zelte. An den kalten Buffets servieren Diener im Livree und verjagen die Fliegen. Der Himmel verstrahlt warmes Blau. Die Annäherungen erfolgen mit einem Lächeln. Alles scheint aus Zufälligkeit zu geschehen, mit der Leichtigkeit von Seiltänzern deren Lächeln die Balancierstange ist.
Die vorherrschende Stimmung besteht aus fröhlichem, zur Schau getragenem Optimismus, gepaart mit interessierter Oberflächlichkeit und Worte die Fragen "How do you do ?" begleitet hier und da mit einem besiegelnden Händedruck.
Eine weitere Betrachtung gilt den Autos denen die Gäste entsteigen. Eine Zusammenstellung verschiedener Kategorien des gleichen Luxus. Man müßte schon mit einem Fahrrad kommen um aufzufallen.
Was, wenn ein Kind, an der Hand eines alten, zerlumpten Blinden durch das Gartentor käme und einen Hut ausgestreckt hielte ?
Ich vermute, Mr. Crosby der mir als Autohändler vorgestellt wurde, würde umgehend dafür eintreten das die Beiden das Grundstück zu verlassen hätten, bevor sie etwas anfassen könnten.
Seine Frau, Mrs. Eleonore Crosby würde wahrscheinlich gleich in den Waschraum laufen, ihre Handschuhe abstreifen und sich die Hände waschen. Einige Leute hier hatte ich schon öfters getroffen und ein Paar ihrer Angewohnheiten kennengelernt.
Die Auflösung meiner Gedanken geschah durch eine junge Frau, die mir gleich einen ganzen Dollar dafür bot, wenn ich ihr meine Gedanken verraten würde. Ihre Stimme war sanft und ihr Lächeln war bemüht mich nicht aus meinen Überlegungen zu schrecken.
"Oh, ich habe mir gerade überlegt, daß ich mir für die Zeit, die ich in New York bin, kein Auto zulegen werde."
"Deswegen machen Sie ein so nachdenkliches Gesicht ?"
"Um etwas näher an der Wahrheit zu bleiben, ich habe gedacht ich würde von Mr. Crosby keinen Wagen kaufen."
"Sie sind kein Geschäftsmann, wie?"
"Genau so wenig wie ich im diplomatischen Dienst beschäftigt bin." Ich lachte. Ich reichte ihr meine Hand und nannte meinen Namen und sie erwiderte :"Ich heiße Joyce. Ich fliege morgen nach Berlin. Ich gönne es mir manchmal über New York hinauszublicken. Ich glaube wir brauchen ein besseres Leben. Denken Sie das nicht auch ?"
"Doch, das glaube ich auch. Ich habe damit bei mir schon angefangen", gab ich ihr zur Antwort.
"Verraten Sie mir Ihren Beruf ?"
"Schriftsteller", erwiderte ich knapp.
"Das ist gut. Was haben Sie bisher veröffentlicht ?"
"In der Schule ein paar Aufsätze und ansonsten schon eine ganze Menge Postkarten."
"Das ist nicht nett, daß Sie mir das sagen. Sie machen sich lustig."
"Sorry Joyce, ich wollte Sie nicht belügen."
"Sie sind kein Schriftsteller ?"
"Doch ich habe gerade damit angefangen."
"Ach ja."
"Ja, ich kann Ihnen den Anfang schon vorlesen."
"Ich soll Sie besuchen kommen ?"
"Sie sind schon da. Ich wohne hier bei Toni und Ellen."
Ihr Gesichtsausdruck wurde zu einer Momentaufnahme beharrlichen Erstaunens.
Ich war überrascht.
Ihr Blick wurde der eines Kindes, das aus einem Fenster in eine fremde Welt sieht. Das Augenblickliche begann sich zu verändert. Ich spürte ihre intensive Prüfung ohne ihre Gedanken erraten zu können. Ich vermied es ihrem Blick auszuweichen.
Ich ahnte eine aufsteigende Unausgeglichenheit meiner Gefühle. Ich duldete das Näherkommen ihrer Augen.
Was mir so langsam erschien, war nicht mehr als ein Moment der Bewegung, der sich auflöste in das Fragment eines flüchtigen Gedankens, der sich einholen ließ von dem Gefühl, der größtmöglichen Nähe zwischen zwei Menschen begegnet zu sein.
Dann plötzlich stand Marge neben mir. Ich spürte ihre Hände um meinen Hals und ihre Lippen auf meinem Mund.
Jemand aus ihrer Begleitung fragte: "Ist das der, der ein Buch über dich schreibt ?"
"Schade, morgen bin ich in Deutschland", warf Joyce dazwischen, dann drehte sie sich um und verschwand ohne das ich sie jemals wiedersah.
Natürlich hatte ich versucht etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Mir ist in Erinnerung geblieben das sie mit Familienname Crosby hieß und ihr Vater Autohändler war.
Das hätte mich nicht gestört.

*

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GEDICHTE von Uwe Kampmann

Donnern, strömen und zerspringen
kraftvoll aus der Feder gießen
Worte blumengleich entspringen
Worte zu Musik erklingen.
Kraftvoll in die Klippen jagen
Worte sind auch Unbehagen.

Abgegriffene Phrasen hängen an den Lippen.
Fragezeichen liegen auf den Händen.
Ratlos sind die Ohren geöffnet.
Müde nehmen die Augen das Gesagte zur Kenntnis.
Schön das es sich noch träumen läßt.

Neid sitzt im Gesicht,
hört verrunzelt die Lieder.
Gepeinigt nieder, kauert er in lautlosen Worten.
Da kommen zwei Hände
und glätten sein Gesicht.

In großer Liebe zueinander
in Duldsamkeit und Toleranz miteinander
die Zeit scheint kurz,
und trotzdem
wir hatten unser großes Glück

Nur er kennt seinen Namen.
Er lebt in der Straße,
seit Jahren.




Mit einem Tropfen begann es zu regnen.
Mit einem Tropfen hörte es auf,
dazwischen sah ich viele Regenschirme.



Die Klarinette

Zirpend, singend, klangvoll Stimmung
Instrumente erfüll´n den Raum
plötzlich nähern sich die Streicher
versteckt steh ich hinter dem Baum

Zögernd, leis und noch verhalten
rauher Zartheit voll beladen
wandert unter den Arkaden
klangvoll tritt sie nun hervor

Langsam sich zum Kreis hinsuchen
Stimme voller süßer Pein
reiht sich dann mit kecken Tönen
in den Kreis der andern ein.

Springt hinauf voll Heiterkeit
wird dann langsam sehr getragen
vor den andren sich verneigt
ihre Stimme voll Verzagen

Alles lauscht ihrem Klagen
keiner kann ihr helfen tragen
ruft hervor nach neuen Zeiten
da erklingt von allen Saiten
jubelnd bricht Musik hervor.



Kalte Nässe liegt über dem Schweigen
der Morgen ist bleich
stumpf ruht der Park
erfroren liegt ein Mann auf der Bank
der Hund hebt sein Bein und beißt in das Fleisch.



Der Flußwind

Im Januar zieht er das Tal hinunter zur Küste.
Die Hafenstadt liegt ihm offen.
Er treibt die salzige Luft zurück auf das Meer und zerstreut den Abfall auf dem Trottoir.
Die Fischer frösteln.
Der Wind belebt die Gespräche.
Kragen stellen sich ihm entgegen.
In den Bistros sagen die Menschen,
der Mistral sei in der Stadt.



Sterben

Niemand erwartet hier niemand
jeder wird kommen
der Tisch ist gedeckt
hier ist Raum
für alle die niemanden erwarten
jeder kommt
sei es aus Neugierde
sei es weil er es muß.




Form und Klarheit trägt der Pinsel
in der Spitze aufs Papier
Wiedergabe ferner Berge
Tiere, Bäume zeigt er dir.



In einem Zelt im Nationalpark
nachts kommen die Bären
sie werfen alles durcheinander.



Blasse Knospen festgeschlossen
voll gefüllt mit ihrem Saft
öffnen sich sanft, leis zur Blüte
Farben, Duft mit zarter Kraft.
Jede Knospe gleich geschwollen
quellen Tulpen aus der Vase
legen ihre Köpfe nieder
bäumen sich im Lauf des Tages
gegen das Verenden auf.
Farben ihre Schönheit zeugen
trotzdem müssen sie sich beugen
nieder sich zum Tod bewegen
wirft der Stil die Blätter fort
sah die Blüte oftmals sterben
ich beweg mich hin zu diesem Ort.



Denkmal

Augen
blicken klagend an
Stimmen
schweigen voller Trauer
ist das Denkmal eingraviert
das Gefühl von Dauer ?



Hart und scharf und ohne Seele
wirft er seinen Schatten nieder
in die Luft, aufs Meer, aufs Land
Kriege ringen alles nieder
was das Leben einst erfand.
Ständig strömen ewig Worte
wandeln gleichsam um die Welt
doch was hält die Taten nieder
das zu tun was uns gefällt.
Worte sind von nichts umfangen
nur von seligem Verstand
Taten ringen Kriege nieder
Regenbogen ist ein Land.



Schnee fällt auf uns.
Frost liegt auf unseren Gliedern.
Wir steigen empor,
streifen über Berge.
Wir sehen uns zu Hause wieder.



Namenlos ist unser Kommen
namenlos was zuerst war,
namenlos war alles um uns
Namen waren einst nicht da.



Türmen Steine sich zu Felsen,
Felsenberge zum Massiv,
wie den Weg zum Gipfel finden,
im Winter liegt der Schnee sehr tief.




Berge ragen in den Himmel
wo der Schnee den Stein bedeckt,
stille Ferne im Gebirge
eiskalt sich der Pfad raufstreckt.
Kiefern noch die Wege säumen,
kalt und nackt ist das Gestein,
Wolken treiben in die Berge,
hier fühlt Mensch sich noch allein.



Gefühle hängen an den Zweigen.
Trauer bewegt sich im Wind.
Blätter fallen in das Wasser,
Gelassenheit trägt sie dahin.



Windzerrissen und gebeugt
fliegen Wolken in den Bäumen
Wasser sammeln, stürzen sich
tief hinab und schäumen,
strudeln, gleiten und zerrinnen
um von Neuem zu beginnen.



Tränen fließen mehr und mehr
leeren sich aus ganzem Herzen
wenn man weiß es ist zu spät.



Kontinente erahnen
das Boot besteigen
hinaus auf das Meer
Wind und Nebel nicht fürchten.
Der Tod lauert auch am Kamin

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APY & REMOTER - Fragmente einer Zukunft, von Uwe Kampmann

Am Abend hatte es begonnen zu regnen. Plötzlich, mit heftigen Windboen waren die Wolken gekommen. Der Donner hatte sich an den Felswänden zerschlagen. Hell zuckende Blitze waren vorangegangen. All dem waren dicke Regentropfen gefolgt. Die Tiere hatten sich verkrochen. Nach einer Stunde hatte sich der Boden in breiigen Schlamm verwandelt und alle Spuren, die der Tag gezeichnet hatte waren verwischt. Gemeinsam mit dem Wind war das Sommergewitter weitergezogen. Der Regen blieb noch zwei Stunden. Dann war es ruhig geworden. Die Bäume schimmerten dunkel wenn zwischen den Wolkenfetzen das fahle Mondlicht bis zum Boden gelangte.
Der Schornstein war geborsten, schon lange bevor das Unwetter über das Haus hinweggezogen war. Früher hatte man gewußt wie die Bewohner hießen, von denen das Haus errichtet worden war. Ihre Namen waren in Vergessenheit geraten. An der Nordseite hatte sich die Mauer gesenkt. Die Wand stand schief, trotzdem hielt sie noch das Dach. Grünliches Licht schimmerte aus den Fenstern des ersten Stockwerk. Darüber das Stockwerk lag im Dunkel. Die hölzerne Treppe, hinauf zum Eingang war morsch. Zwischen den Brettern der Veranda wucherte Gras. Wie Vorhänge hingen Spinnengewebe von den Decken. Sie umhüllten die Lampen, die seit Jahren nicht mehr am Stromnetz hingen. Es roch feucht und warm. Der Regen tropfte vom Dach. Im Kamin brannte ein Feuer. Im Nebenzimmer bewegte sich eine Tür. Ziehender Atem begleitete das Geräusch der Schritte. Dann wurde es still.
*

Sie stand an einem der Fenster im ersten Stock auf der Nordseite. Sie kämmte ihr Haar. Ihr Atem war ziehend. Der Flieder blühte vor dem Haus. Sein Duft vermischte sich mit den Fichten die etwas weiter entfernt standen. Der Boden atmete die Nässe der Nacht. Feucht roch das Süß der blauen Lilien. Sie lächelte. Ihre Hände glitten über ihre Brüste. Außer einem Spiegel war nichts in ihrem Zimmer. Sie war nackt und blies ihre Haare in den Wind.
Obwohl das Wort Jahre jede Bedeutung für sie verloren hatte, war zwischen ihren Schläfen die Erinnerung geblieben. Ihre Erinnerungen waren klar, so klar wie der See auf dem sie als Kind mit ihrem Vater gerudert war. Oft hatte er gefragt :"Was denkst du jetzt ?"
Sie war drei gewesen. Sie hatte gefragt, was es bedeutet drei zu sein. Sie hatte ihm aus ihrer Hand drei Finger entgegengestreckt
"Das du dreimal den Sommer erlebt hast", hatte er geantwortet. Er hatte gelacht.
*
Die Pfützen die am Morgen noch vor dem Haus gestanden hatten waren im Boden versickert. Über die Veranda schlich leise eine Schlange. Die Bäume wiegten sich sanft im Wind. Draußen auf dem See, hinter dem Schilf, wendeten die Boote.
Als Kind hatte ihr Vater manchmal ihren Onkel zu den Ruderfahrten mitgenommen. Onkel Carl, sie kannte noch seinen Namen obwohl der Name ihr nur noch wenig bedeutete. Carl hatte jedesmal seine Angel dabeigehabt. Er hatte Würmer auf einen Haken gespießt, die er dann an einer Leine in das Wasser warf und dann gesagte :"Ihr müßt jetzt ruhig sein."
Ihr Vater hatte nicht mal gewagt, wenn sie ihn ansah, zu fragen : "Was denkst du ?"
Dann, irgendwann hatte Carl die Stille durchbrochen und geschrien : "Ich habe einen !"
Sie waren oft sehr groß gewesen. Carl hatte sie mit einem Rundholz erschlagen. Den Haken hatten sie immer noch im Maul.
Als sie vier war, hatte sie bei einem Bootsausflug, als Carl auf einen Fisch eindrosch gefragt : "Wieviel Finger hat er ?"
"Finger ? Der hat keine Finger, der hat Flossen !", hatte Carl gerufen und nochmal zugeschlagen.
"Sie meint wie alt er ist", hatte ihr Vater gesagt.
"Alt genug um zu sterben", hatte Carl geantwortet.
"Ich habe Angst auch einmal sterben zu müssen", hatte sie gesagt. Ihr Vater hatte sich zu ihr gebeugt, war mit seiner Hand über ihr Haar gefahren und hatte erwidert "Vielleicht kann ich dir helfen."
*
Sie stand am Fenster und blickte auf den See. Die Boote fuhren fast in gleicher Linie. Die Segel waren prall gefüllt. An den Wendemarken schienen sie in sich zusammenzufallen. Sekundenlang, dann trieben die Boote in die andere Richtung.
Vor dem Fenster, schwirrte eine Biene. Sie flog ruckartig davon als sich ihr eine Zweite näherte. Johanna sah ihnen nach. Sie erinnerte sich an ihre Mutter.
"Werden Bienen älter als Fische ?"
"Ich glaube nicht, vielleicht wenn sie eine Königin sind, dann ja", hatte ihre Mutter geantwortet.
Nach einer Weile hatte ihr Vater hinzugefügt, "Bienenköniginnen haben eine Form der Unsterblichkeit entwickelt, sie leben weiter in jeder Biene."
Sie hatte ihren Vater angeblickt. Er war ihr mit der Hand, wie er es oft tat, über den Kopf, durch ihr Haar gefahren. "Vielleicht kann ich dir helfen," hatte er gesagt.
*
Dann waren sieben Jahre vergangen. Es war der Umbruch der Zeitalter, als ihr Vater den Nobel Preis für Chemie erhielt.
Ziehend zog sie ihren Atem ein und stieß ihn leise aus dem Fenster. "Sommer", sagte sie. Das Wort, drang vier Meter weit, dann verebbte es. Der Garten, das Haus blieben unberührt, der See lag weit entfernt. Sie streifte die Haare aus ihren Händen und blies sie in den Wind. Sie schwebten über den Flieder, verfingen sich im Apfelbaum und fielen auf das Gras. Einige Haare streiften den aufgeblühten Löwenzahn.
*
Ihr Vater war ein Jahr, nach der Entgegennahme des Preis gestorben, kurz darauf ihre Mutter.
Dr. Melbourne hatte sich auf ihren Vater berufen. Johanna hatte eingewilligt. Mit neuerungsmethodischen Experimenten war Dr. Melbourne dem geistigen Interesse der Firma für die auch ihr Vater gearbeitet hatte gefolgt, Unklarheiten in der Natur zu beseitigen. Das Ziel war, zu widerlegen das Leben Leiden bedeutet. Glück als Rausch zu kultivieren, den Tod aufzuheben, den Rausch nie enden zu lassen. Den Mensch mit göttlicher Unsterblichkeit zu segnen, neue Reagenzien zu vermischen bis zum Erfolg. Zweifel wurden durch neue Versuche ersetzt.
Ein halbes Jahr hatte ihr Dr. Melbourne einen genetisch aufbereiteten Hautfaktor von Mäusen injiziert. Fasziniert hatte er beobachtet wie ihr am ganzen Körper Haare gewachsen waren. Sechs Wochen später war sie von einem dichten Fell bedeckt. Wenn sie mit den Händen durch die Haare strich, fielen sie aus. Jede Berührung ließ blasse, kahle Stellen auf ihrer Haut erscheinen. Das erneute Wachstum der Haare setzte jedoch sofort wieder ein. Alle Mittel das Experiment rückgängig zu machen waren erfolglos gewesen. Um die unkontrollierte Weiterverbreitung dieses Experiment zu verhindern, erfolgte die Anmeldungen für das Patentrecht und kurze Zeit später ihre Unterbringung in der Alpha B 2 Fermentaregion. Dort war sie Remoter begegnet. Er war männlich registriert, mager und schnell beweglich. Er galt als UVB resistent. Hochdosierter ultravioletter Strahlung ausgesetzt zeigte seine Haut erst Veränderungen in der zweiten Versuchsgeneration. Das ihm an jeder Hand der Zeigefinger fehlte war schon von Geburt an so gewesen.
*
Dr. Melbourne lud sie häufig zum Kerzenlichtdinner in sein Bungalow ein. Dr. Melbourne registrierte sie anfangs als apathisch, später ließ er bei beiden die Psychopharmaka absetzen.
Johanna blieb ruhig, gelegentlich strich sie sich über die Augenbrauen, wenn die Haare so lang wurden, ihr den Blick zu versperren. Manchmal sagte Dr. Melbourne, sie habe schöne blaue Augen. Das ihr Gesicht behaart war schien er dabei zu übersehen, ebenso das Remoter an jeder Hand ein Finger fehlte und seine Augen doppelt so weit auseinanderstanden wie sonst bei einem gewöhnlichen Menschen. Dr. Melbourne empfand keine Schuldgefühle, selbst dann nicht wenn er im Gespräch Johanna und Remoter als bioreaktorische Nutzmenschen bezeichnete.
Remoter schien nie durch Zweifel an seiner Bestimmung durchfurcht. Gütig nickte er, wenn Dr. Melbourne erzählte wieviel Menschen sein Genfaktor vor dem Hautkrebs gerettet hätten. Dann starb Dr. Melbourne, einfach so, eines Tages ohne aufzuwachen und ein Assistent übernahm seinen Platz. Nach wenigen Wochen erhielt der Assistent den Titel eines Professors. Es blieb alles beim Gleichen bis der neue Professor nach dreißig Jahren starb und sein Nachfolger kam, das war vor nunmehr fünfzig Jahren.
*
Johanna blickte in den Wind der sanft ihre Haare davon trug. Draußen auf dem See wendeten die Boote. Sie blickte sich um und sah in den Spiegel. Dann begann sie sich zu drehen, streckte zuerst die Hände über den Kopf und begann zu tanzen. Zwei Schritte zurück, zwei Drehungen, zwei Schritte nach vorn. Dann die gleiche Schrittfolge, jetzt die Arme zu den Seiten gestreckt. Wie ein Vorhang hingen die Haare von den Armen herab, fast berührten sie den Boden. Blond, schön und mit Anmut vollführte sie die Schritte. Sie schloß die Augen. Noch einen Augenblick, dann wird sie zum See hinuntergehen und Remoter herbeiwinken. Zusammen werden sie zum Haus zurückkommen. Sie wird seinem Atem lauschen. Ihre Haare werden nachwachsen. Ihre Augen werden glücklich lächeln. Warum die Forscher nicht mehr kamen wußten sie nicht. Vielleicht gab es sie nicht mehr.



Später, nach dem Tod ihrer Mutter, sie hatten zurückgezogen in einem Haus in Michigan gelebt, war ihr bewußt geworden das sie kein Einzelfall war. Nach dem Tod der Gesellschafter, die in der Firma die Experimente betrieben hatten, wurden die Ausmaße der Versuche sichtbar. Wissenschaftlich wurde sie als Psychophysen bezeichnet. Vom Menschen abstammend, mit artfremden Merkmalen.
Man hatte versucht sie zur Fortpflanzung zu bewegen. Der Versuch wurde nach dreißig Jahren abgebrochen weil jede Form sexueller Betätigung unter den Psychophysen unterblieben war. Dann waren die Experimente an neuen Menschen wieder aufgenommen worden. Vorzugsweise nahm man Kleinkinder die von weiblichen Inhaftierten mit Samen fremder Spender befruchtet worden waren.
Sie war aus der ersten Generation der Versuche hervorgegangen. Für die sexuellen Experimente hatte man sie zusammen mit ihn auf eine Insel gebracht. Weder er noch sie hatten Interesse gezeigt sich geschlechtlich zu vereinigen. Ein Team von Motivationpsychologen und Chemikern waren auf die Insel abbeordert worden, sie wissenschaftlich zu begleiten. Nach zwei Jahren vergeblichen Wartens, war man dazu übergegangen, in einer langen Versuchsreihe mit stets neuen Mitteln, die stimulierend wirken sollten, zu einem Erfolg zu kommen. Audiovisuelle Reize, chemische Substanzen, führten weder zum Libido noch ließen sich Aggressionen beobachten.
Apy und Remoter,
Als die ersten Versuchspsychophysen drei Generationen ihrer Beobachter überlebt hatten wurde die Vermutung geäußert, daß ihre Körper unsterblich seinen. Als Folge wurde versucht, sie als Soldaten zu verwenden. Selbst mit Gaben von Drogen war es nicht möglich ihr Wesen zu verändern. Sie zeigten wie bisher in den Versuchen keine Anzeichen von Aggressivität. Der Krieg in den sie von den Vereinigten Staaten eingesetzt wurden drohte für die Regierung eine Niederlage zu werden. Nach hundertzwanzig Jahren wissenschaftlicher Beobachtung hatte man sie entlassen und ihnen das Tal gegeben.


Mit dem Zug wären es bis nach New York sechsundsechzig Stunden, bis nach Los Angeles zehn. Es wäre müßig gewesen zu versuchen nach irgendwohin eine Fahrkarte lösen zu wollen. Es gab hier keine Bahnstation und die nächste Straße war achtzig Meilen entfernt. Früher einmal hatte es einen für Planwagen zu befahrenden Weg hierher gegeben. Die jetzigen Bewohner hatten riesige Löcher in die Fahrspur gesprengt. Dann war man mit der Regierung übereingekommen das den Bewohnern das Tal gehören sollte. Anfangs war man nicht sicher gewesen, ob das Tal der dreiundfünfzigste Bundesstaat der USA werden sollte. Dann hatte man alles auf sich beruhen lassen. Die Mitteilungen waren seltener geworden.


Was vor mir lag und was ich verlassen hatte, beides gehörte zu einem und dem gleichen Planeten. Meine Füße hafteten auf ihm. Die Straße lag hinter mir. Den Mann an der Tankstelle hatte ich erschossen. Einfach so, er hatte nach Geld gefragt. Geld, was wollte er Geld. Ich hatte als einer der erster die Stadt verlassen. Geld war nur noch Papier oder Metall ohne Wert. Ich verscheuerte keine Gedanken daran nachdem es drei Tage nicht mal mehr Brot gegeben hatte. Jeder war bereit gewesen sich zu verkaufen oder hatte gehortet. Ich war weder gut für das Eine noch für das Andere. Ich hatte meinen Wagen genommen und mein Studium an den Nagel gehängt. Bevor ich meine Wohnung verlassen hatte, stach ich meine Vermieterin nieder. Ich benutzte mein Brotmesser. Es waren nur Sekunden gewesen. Ihre Vorräte in den Wagen zu laden hatte länger gedauert. Ich hatte sie einfach hinter ihrer Wohnungstür liegen gelassen. Mochten sich die anderen Mieter an ihr verköstigen.
Was mich noch mit der Stadt verband war meine Armbanduhr. Über Funksignale kam die richtige Zeit. Präzise und unabhängig, irgendwelche Zeit die mich nicht mehr interessierte. Über mir brütete die Sonne. Mein Wagen lag irgendwo hinter mir, nachdem ich den Highway verlassen hatte und in die Wüste abgebogen war und der Tank leergefahren war. Die Toten hatte ich hinter mir gelassen. Ich war auf dem Weg zu den Unsterblichen. Ich ging nach Süden.
Das ich nicht allein war, war nicht zu übersehen. Helle schmale Linien zogen sich vor meinen Füßen durch den Sand. Immer neu, zulaufend auf ein Zentrum, schmalen Spuren, tausende von Ameisen. Immer in Bewegung, irgendwelchen Aufgaben nachgehend, mit Straßen und Zentren, alles hatte bis zum Versagen funktioniert. Funktionierte immer noch, ich hatte keinen Zweifel an der Zeitangabe meiner Armbanduhr. Ich ging einfach über die Ameisen hinweg. Ich tötete viele unter meinen Sohlen. Seit Tagen hatte ich mich damit abgefunden ein Mörder zu sein. Einfach so, wie ich früher geglaubt hatte keiner zu sein.
Meinen Wasservorrat trug auf meinem Rücken in einem Rucksack. Ein Strohhut schützte meinen Kopf gegen die Sonne. Die Informationen über den Weg den ich einzuschlagen hatte besaß ich aus alten Zeitungen. Ich war darauf gestoßen als ich im Chronical Archiv gestöbert hatte. Sie stammten aus dem Jahr zweitausendeinhundertfünfzig. Studienmäßig war ich an dem Punkt angelangt gewesen, das Ende des Atomzeitalters und den Übergang zur Humanisierung zu betrachten. Natürlich hatte es darüber bereits Arbeiten gegeben, sie waren leicht zugänglich in den Landestelebibliotheken nur schienen mir alle Arbeiten aus zwei, vielleicht drei immergleichen Blickwinkeln verfaßt zu sein. Nachdem ich mich entschlossen hatte, die alte englische Schrift mit lateinischen Buchstaben zu erlernen, hatte ich begonnen in den alten Zeitungsarchiven herumzustöbern die man noch erhalten hatte, ebenso wie man den Petersdom und die Akropolis unter einer Glaskuppel archiviert hatte. Ich war schon graduierter Genius in den Bereichen Archäologie, Publizistik und Informatik als ich mich der Humanologie zuwandte um die Zeit vom Kriegsprimitivismus mit seiner ökofaschistischen Auflösungstendenz zur kapitaldominanten Demokratie zu erforschen. Der Zugang zu der alten Sprache machte es mir möglich mehr zu erfahren als was ich in den Lehrmitteln der Telebibliotheken finden konnte.
Vier Jahre hatte ich im Leseraum des Chronical Archiv verbracht. Nachdem ich die Genehmigung erhalten hatte es zu benutzen war ich täglich dorthin gegangen. Das einzigste Wesen das aussah wie ich und mir dort begegnete war der Pförtner gewesen. Während ich im Leseraum saß, saß er vor dem Telekommunikator in seiner Loge und betätigte sich mit eingebautem Joystick an den Spielshows. Er registrierte mich wenn ich ihm meine Identifikationskarte reichte, ansonsten sprachen wir nie miteinander. Am ersten Tag hatte ich den Eindruck mich in einem Labyrinth zu bewegen. Lange, schmale Gänge, zwischen hohen Regalen mit übereinander angebrachten Schubladen in denen Tonnen von Papier hingen.
Am zweiten Tag fand ich mich bereits zurecht. In allem steckte ein System. Die Zeitungstitel waren nach Ländern geordnet, die Gänge zwischen den Regalen nach Sprachen wobei mit wenigen Ausnahmen nur die Hauptsprachen vorhanden waren, von denen ich vier beherrschte. Ich nahm mir Zeit, Publikationen mit gleichem Datum in verschiedenen Sprachen zu vergleichen. So wie sich die Sprachen unterschieden so unterschied sich die Wahrheit, bis ich zu der Erkenntnis gelangte, es gibt keine Wahrheit.
Ich begann mich auch für die kleinen Zeitungsmeldungen zu interessieren. Alltägliches, Sekunden einer vergangenen Zeit, triviale Köstlichkeiten, normierte Herdentriebe, infantile Selbstbestätigung, Todesanzeigen und Horoskope. Besonders in diesen kleinen Meldungen fand ich eine antiquierte Berichterstattung die in der Masse die Suche des Einzelnen nach einem Ausweg erkennen ließ. Undenkbar für meine Zeit. Es gibt heute weder unkontrollierte Geburten noch sonst etwas was wir nicht kontrolliert vor Augen haben. Wir, - ich bin dazu ausgebildet meine Arbeit in globalen Planungswesen zu verbringen. Traueranzeigen gibt es heute genausowenig wie es noch das Papier gibt auf denen früher die Zeitungen gedruckt wurden. Der Tod, eine Umfrage vor wenigen Tagen hatte es ergeben, steht in der Wunschliste der führenden Mitglieder der regierenden Globalplaner an erster Stelle.
Die Umkehrung, zurück, es wäre sinnlos gewesen. Zurück zur Tankstelle, der Highway war kaum noch befahren gewesen, vielleicht hätte ich mir ein Auto zurück in die Stadt nehmen können. Irgendwann wäre ich auf die gestoßen die nach mir hatten versucht zu entkommen. Ich hatte kein Interesse ihnen zu begegnen. Wahrscheinlich standen an den Zu - und Ausfahrten inzwischen Patrouillen, Menschen die über Dienstwohnungen, Waffen, Uniformen und telematische Medien verfügten. Die Wüste jagte mir weniger Furcht ein. Ich ging weiter. Ich wimmelte die Gedanken ab die hinter mir lagen. Es war heiß, trotzdem es war kein Sommer mehr. Ich war froh alles hinter mir zu wissen und meinte es zu schaffen. Ich blickte auf die Ameisen. Im Weitergehen trat ich auf immer neue Staaten. Bräche ich zusammen, sie würden mich zernagen. Stück für Stück mich in kleinen Teilchen davontragen. Ich würde ihren Staat am Leben erhalten. Sie würden durch meinen Mund, durch meine Nase in mich dringen, meine Augen aushöhlen. Stück für Stück würde ich Teil von tausenden von Ameisen. Wütend trat ich jede nieder, oft einige Dutzend mit jedem Fußtritt. Ich rächte mich an der sengenden Sonne, daß ich tausende von Toten hinter mir ließ. Das Wasser trank ich im Gehen um keinem der Tiere die Möglichkeit zu geben an mir festzuhalten. Mit jedem Schluck spürte ich einen Schritt schneller gehen zu müssen. Als die Sonne den Horizont berührte begann ich zu rennen. Meine Uhr gab mir Signale. Der Summton besagte, jeder habe die Straße zu verlassen um die Ordnung aufrecht zu erhalten.
Vor zwei Tagen war ich noch daran gebunden gewesen. Zwei Stunden vor der allgemeinen Aufforderung gab es einen Glockenruf. Jeder der in der höheren Planungsebene beschäftigt war, trug einen Glockentuner. Es gab dieses Glockengeräusch als Aufforderung rechtzeitig seine Wohnung aufzusuchen. Für die anderen gab es ohne Vorwarnung nur den Summton ihrer Armbanduhren, in den Bunkern zuverschwinden. Wer auf den Summton angewiesen war hatte drei Minuten Zeit die Straßen zu verlassen. Danach wurde geschossen. Wohnungen wurden dadurch frei, die Kleidung der Toten gelangte in die Geschäfte, ihr Fleisch wurde verarbeitet und ihre Knochen naturierten die Lebensmittelzusätze. Ausweispapiere hatten schon lange ihre Gültigkeit verloren.
Ich hatte daran nichts falsch gefunden, so lange ich zu essen hatte. Dann hatte es im Telekommunikator geheißen : "Die Staatsleitung verlangt von ihren Assistenten einen dreitägigen Nährmittelfastentag zur Weckung von Ideenreichtum und Innovation."
Begeistert war ich darauf eingegangen, auf die zwei Schüsseln Haferschleim am Tag zu verzichten. Hunger hatte ich nie vorher verspürt. Wenn es der geistigen Ertüchtigung dienen sollte, war ich bereit darauf zu verzichten. Durch diese Maßnahme sollten die Tüchtigsten weiter entwickelt werden um sie von den Schwachen zu trennen.
Ich war zu Mrs. Lovence gegangen und hatte sie aufgefordert mir nur noch vier Scheiben Brot zuzubereiten.
"Sie sind der Erste der zu mir kommt", sagte sie.
Am gleichen Abend kam die Schutztruppe und holte Brian Forster, Mike Taylor, William Gloski und Fery Mc Donald ab.
Mrs, Lovence erwähnte es nur beiläufig. Ich solle mich nicht wundern, neue Nachbarn zu bekommen. Ich hatte nichts bemerkt.


Nicht das Recht auf Arbeit sondern das Recht auf das Verbrechen war in der neuen Verfassung festgeschrieben. Freiheit bedeutete sich keinen Gesetzen unterstellen zu müssen.

So war es gewesen, doch jetzt sah ich sie, von denen ich wusste das es sie gab.

Ich blickte sie an und sagte : "Ihr seid schön und habt das Leben."
Apy und Remoter fielen sich in die Arme . Sie hielten sich fest. Tränen liefen aus ihren Augen.
Ein Mann mit acht Brüsten, legte mir seine vierfingrige Hand auf die Schulter und sagte. "Komm , ich bringe dich zurück, wo das Sterben Leben ist."
"Und wenn ich nicht will?"
"Hierbleiben, bei uns ?"
"Warum nicht."
"Du gehst."
"Warum ?"
"Weil du stirbst."
"Aber bis dahin?"
"Verschone uns vor deinem Ende, weil wir es nicht können."

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Eine Speisekarte mit Dame - american stories -

Eine Speisekarte mit Dame - american stories -

von

Uwe Kampmann


Sich zu überlegen woher er abstammte wäre müßig gewesen. Ob aus Rußland, aus China, vom Nordpol oder aus Deutschland, egal woher. Vielleicht kamen seine Vorfahren aus Polen oder Italien, egal, sie konnten nichts dafür, außer das sie ihn in einer langen Ahnenreihe, als zur Zeit letztes Endglied ihrer Leiber in die Welt gesetzt hatten. Für sein Gesicht war er selber verantwortlich. Dreck, nichts anderes war sein Lächeln, eine Ansammlung von Dreck, fett wie eine Made, der Anzug nur die teure Ausführung eines Mülleimers. Seine Finger, kleine, manikürte Wurstzipfel. Goldene Ringe, eine teure Uhr, es hätte nicht des teuren Parfüms bedurft. Er stank auch so, nach Geld. Sein Name ist uninteressant, auch wenn er mit Goldprägung seine Visitenkarte besticht. Er besitzt in Chicago eine Arena für Windhundrennen, ein Dutzend Wohnblocks in New York und ein Haus in Florida. Sein Chauffeur und der Wagen kosten ihn im Jahr sechzigtausend Dollar.
"Das Leben ist zu kurz, die Zeit zu knapp und den Geist muß man in der Brieftasche tragen", sagte er. "Das ist die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe."
Sein Lächeln schien mir ehrlich.
Eigentlich sitze ich mit ihm im Restaurant nur am selben Tisch. Ich habe ihn nie vorher gesehen. Ich denke, `Ich werden über ihn schreiben.´
Ich sage : "Ich bin Schriftsteller."
"Und was schreiben Sie ?"
"Ich suche interessante Menschen."
"Schwer zu finden", behauptet er.
"Ich glaube es ist schwieriger über Tiere zu schreiben ", sage ich, "zum Beispiel über Maulwürfe. Wissen Sie wie ein Maulwurf lebt ? Ich meine nicht das er Erdhügel aufwirft, daß erfährt schließlich schon jedes Kind, daß zum ersten Mal das Wort Maulwurf hört und fragt was ist ein Maulwurf ? Wissen Sie das Maulwürfe blind sind ? Ich meine für unser Verständnis total behindert."
"Ja, jetzt wo Sie es sagen, ich erinnere mich, tatsächlich habe ich davon gehört. Das ist schon lange her. Ich habe nie mehr darüber nachgedacht ", antwortet er.
"Also, mich beschäftigen Maulwürfe schon", sage ich. "Ihre Finger mit denen sie ihre unterirdischen Gänge graben, sehen aus wie Finger. Ich meine, wie menschliche Finger. Sehr langgliedrig, stark durchblutet, mit einer robusten Haut überspannt und mit langen Fingernägeln. Als ich die Fingernägel zum ersten Mal sah, habe ich gedacht, Frauen die auffallen wollen, würden einen Maulwurf um seine Fingernägel beneiden, wenn sie je solche gesehen hätten."
"Interessant", sagt er, "ich wußte nicht das Maulwurffinger dem Menschen ähnlich sind."
"Sie haben gedacht, sie hätten so etwas ähnliches wie Krallen oder Schaufeln an ihren Pfoten, nicht wahr ?"
"Ja genau, Finger wie beim Menschen, daran habe ich nie gedacht."
Er hatte sich nie in seinem Leben darüber Gedanken gemacht, ob die Pfoten Krallen oder Schaufeln ähnelten. Das ich sagte, die Finger sähen menschenähnlich aus, interessierte ihn.
"Anatomisch gesehen gibt es natürlich Unterschiede. Maulwürfe haben keinen Daumen, obwohl sie fünf Finger haben, aber keiner ist so kurz wie ein Daumen.
"Aha", sagt er und blickt in seine Hand.
Ich beuge mich über den Tisch und sage : "Stellen Sie sich Ihren Daumen so lang wie Ihren Zeigefinger vor."
Seine Finger liegen eng zusammen, sie lassen keinen Zwischenraum. Er hält seine Hände nebeneinander, die Handflächen nach oben. Er hält sie gewölbt wie ein Gefäß. Mit Wasser gefüllt, kein Tropfen könnte entrinnen.
"Sehen Sie", sage ich.
"Ja, ich kann mir vorstellen was Sie meinen."
"Wirklich ?", frage ich.
"Was meinen Sie ?"
"Ihre Handlinien."
"Meine Handlinien ?"
"Interessant ", sage ich.
"Sie verstehen etwas davon ?" Ich weiß, er wird mir Zeit lassen. "Sagen Sie, Sie verstehen etwas von Handlinien ?"
"Sir ?" Wir beide blicken zum Kellner auf.
"Darf ich servieren ?"
Ich ziehe meinen Kopf zurück. " Bitte ", ich blicke meinen Tischnachbarn an und sage :" Ich möchte nicht, daß Ihre Speise kalt wird."
Der Kellner beginnt mit seiner Arbeit. Ich muß noch warten. Es macht mir nichts aus.
"Aber nachher ?"
Ich nicke und sage: "Lassen Sie es sich schmecken."
Er nimmt den Löffel. Auf der Suppe schwimmt ein Eigelb. Er faßt es mit dem Löffel und läßt es zwischen seinen fetten Lippen verschwinden. Hastig folgt der Rest. Er schiebt den Teller zur Seite, führt die Serviette zum Mund, läßt sie los, sie fällt zurück auf seinen Schoß, dann streckt er mir die Hände entgegen.
"Sir."
Ich sage :"Sorry."
Meine Vorspeise ist gekommen. Ich greife zur Gabel.
"Sie sind nicht nur Schriftsteller ?"
"Auch", sage ich. Ich wickel die Nudeln um die Gabel. Dann beginne ich zu kauen. Als der Bissen in meinem Magen gelandet ist sage ich : "Hier kann man gut essen." Ich lege die Gabel zur Seite und greife mein Rotweinglas.
"Zum Wohl ", sage ich.
Er nimmt sein Glas.
Als wir die Gläser absetzen bringt ihm der Kellner den zweiten Gang. Neben dem argentinischem Steak liegt eine Kartoffel in Staniolpapier eingewickelt.
Ich führe die Gabel zum Mund. Ich könnte ihm jetzt sagen, bevor ich Nudeln in den Mund nehme, was ich gesehen habe. Er wartet darauf. Sein Blick ist so gierig wie seine Hand. Warum überhaupt sollte ich etwas sagen. Das er mich gefragt hat ist kein Grund eine Antwort zu geben. Während ich kaue, es schmeckt mir, beobachte ich wie er das Fleisch zerschneidet. Die Kartoffel liegt noch in der Folie. Wirklich, dem Lokal gehört ein Kompliment. Die Messer sind scharf. Das Steak ist medium zubereitet. Das Blut quillt aus den Fasern. Mein Gegenüber beginnt sich mit der Kartoffel zu beschäftigen. Ich trinke einen Schluck Wein und lege die Gabel auf den Teller.
"Haben Sie wirklich etwas gesehen ?", fragt er.
"Natürlich ", sage ich, " Sie sind ein interessanter Mensch."
"Aber Sie könnten nichts über mich schreiben, ich meine ein Buch, Sie wissen kaum etwas über mich."
"Doch."
"Was doch ? Ein Buch ?"
"Sir ?"
"Bitte." Ich lehne mich zurück.
Der Kellner serviert.
"Übrigens, mich hat das sehr beschäftigt." Ich blicke den Kellner an. "Verstehen Sie etwas von Maulwürfen ?"
"No Sir, die haben wir nicht auf der Speisekarte."
"Vom Fleisch her auch so wenig ergiebig wie Tauben", füge ich hinzu, "man müßte wenigstens sechs von ihnen haben."
Der Kellner bewegt seine Mundwinkel nach unten und zieht sich zurück
"Die Sympathie wird sich über das Trinkgeld regeln, bevor es soweit ist braucht man auf Kellner keine Rücksicht zu nehmen ", sage ich.
Mir gegenüber, lacht der Mann.
"Was Sie gesagt haben ", er zeigt mit dem Messer und der Gabel auf sein Steak und die Kartoffel, "schmeckt mir." Dann folgt ein Blick, den er dem Kellner nachwirft, um mir anschließend zuzunicken, während ich mir die Zitrone über die Auberginen träufle.
"Wo haben Sie das gelernt ?"
"Was ? "
"Na, Handlinienlesen."
"Ich war in Indien, außerdem hat meine Großmutter und Mutter ", ich beginne zu kauen.
Ich beobachte ihn, dann schlucke ich während er weiterkaut.
"Mit den Maulwürfen, ich habe mich gefragt, blind und tief in der Erde, wie schaffen sie es zueinanderzufinden und Nachwuchs zu zeugen ? "
"Sie haben recht, darüber was zu schreiben, ist verdammt schwierig."
Ich esse und lasse ihn mit vollem Mund reden.
"Ich finde", sagt er, "es ist viel einfacher über Menschen zu schreiben. Man muß sich nur unter sie mischen. Ehrlich gesagt, wenn ich Zeit hätte könnte ich auch ein paar Geschichten schreiben."
"Würden Sie wollen ?"
Er blickt über den Teller.
"Ich kenne ein paar Frauen, die haben Fingernägel wie Maulwürfe." Er lacht.
Ich sage :"Maulwürfe haben ein schönes Fell, es ist schwarz und glänzt, aber sie sind zu klein. Für einen Pelz müßten viele Tiere sterben."
Er entfaltet des Staniolpapier. Eine riesige Kartoffel kommt zum Vorschein. Er bricht mit der Gabel ein Stück ab, spießt es auf die Zinken und steckt es in den Mund zwischen einen Rest gut durchgekautem Fleisch. Er hat es eilig etwas zu sagen, gießt einen Schluck Rotwein in das Gekaue und sagt: "Zu einem argentinischen Steak muß man die Kartoffeln mit Schale essen."
"Ja ", erwidere ich, "mit Schale schmecken Kartoffeln sehr natürlich."
Er zeigt mit seinem Messer auf meinen Teller und fragt :"Sind Sie Vegetarier ?"
"Eigentlich ja, ich kenne nur eine Ausnahme, aber Menschenfleisch ist nur selten zu bekommen."
Ich beobachte ihn. Er weiß nicht, soll er kauen oder schlucken. Als Zwischenlösung scheint er sich fürs Zurückkotzen auf den Teller entscheiden zu wollen.
Ich sage: "Bleiben Sie ruhig und essen Sie weiter. Maulwürfe fressen sich auch gegenseitig auf, daß ist völlig normal." Mit dem Messer schiebe ich mir eine Aubergine zurecht. "In Öl gebackene Auberginen ergeben im Mund ein Gefühl als würde man Fleisch essen. Am besten dazu ist die großblättrige Petersilie. Immer wenn ich Lust auf Fleisch verspüre, entscheide ich mich für gebackene Auberginen." Ich ziehe die Gabel aus dem Mund zurück und blicke ihn an. Obwohl ich weiß, daß man nicht mit vollem Mund sprechen soll, sage ich : "Sie haben in Ihrer Liebeslinie ein großes Durcheinander."
"Haben Sie das im Ernst gemeint, mit dem Menschenfleisch, dann würden Sie auch Hundefleisch essen ?"
"Genausowenig wie Katzen mag ich Hundefleisch, ich sagte Ihnen doch, eigentlich bin ich Vegetarier."
"Aber Sie sagten doch...."
"Ich sagte, Menschenfleisch ist sehr selten."
Er räuspert sich. Dann legt er sein Messer und seine Gabel über Kreuz auf den Teller, neben das restliche Steak.
"Werden Sie satt von den Auberginen ?", fragt er.
"Sie sind eben nur ein Ersatz ", erwidere ich.
"Sir ?"
Er blickt zu dem Kellner hoch und sagt :"Den Teller können Sie mitnehmen. Mit dem Nachtisch warte ich bis der Herr", er blickt auf mich," fertig gegessen hat."
Als der Kellner sich einige Schritte entfernt hat, sagt er : "Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie sagen mein Liebesleben ist durcheinander, überflüssiger Weise bin ich mit einer Frau verheiratet, die ich nicht liebe."
"Das ist oft so ", erwidere ich. "Hat man Sie erst mal, wird man Sie schwer wieder los."
"Aber Sie sagten doch, Sie lieben Menschenfleisch, ich meine Sie essen es gerne."
"Ja, richtig. Zum Nachtisch hätte ich gerne einen Kaffee und einen Whisky."
"Ich meine, meine Frau, da ist einiges dran. Also, ich hätte nichts dagegen wenn Sie mal probieren möchten, von mir aus auch mit Petersilie. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ....."
"Ich habe Sie verstanden, Sie möchten die Unordnung in Ihrem Leben verändert."
"Ich habe schon öfters darüber nachgedacht. Sie möchte keine Scheidung. Ich meine nur, Sie mögen so etwas, vielleicht kann ich Ihnen damit einen Gefallen tun."
"Ja natürlich, vielleicht haben Sie zufällig ein Bild von ihr dabei ?"
Er greift in seine Jackentasche seines Innenfutters.
"Hier ", er reicht mir ihr Bild über den Tisch.
Mein erster Eindruck sagt mir : "Ein dickes Rippchen." Nach einer Weile sage ich, er blickt gespannt zu mir herüber : "Gefärbte Haare verderben den Geschmack, außerdem mag ich es lieber wenn die Hüften nicht doppelt so breit wie die Schultern sind."
"Ich kann nichts dafür, Sie mag Schokolade, Sie ist süchtig danach. Aber eingefroren, vielleicht würde sie ein Jahr lang reichen."
"Das ist natürlich ein Argument aber ich habe keine Kühltruhe." Ich winke den Kellner heran und sage: "Ich möchte einen Kaffee und einen Kentucky black Label."
"Für mich auch."
Als der Kellner sich entfernt hat, sagt er: "Natürlich würde ich Ihnen auch noch etwas geben. Geld für eine Kühltruhe und Gewürze."
"Das ist gut", sage ich.
"Ich könnte Sie mit meiner Frau bekannt machen. Sie könnten sagen, Sie wollen ein Buch über mich schreiben."
"Oh ja, Ihre Frau würde stolz auf Sie sein. Sie müßte darin vorkommen."
"Natürlich, wir sind seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet. Das dürfen Sie nicht verschweigen. Wenn ich Sie morgen zu uns einladen darf. Ich könnte Ihnen Photos zeigen als Sie jünger war, ich glaube, daß würde Ihren Appetit anregen."
"Natürlich", sage ich und wische mir mit der Serviette über den Mund.
"Sie bekämen von mir sechzigtausend Dollar."
"Und was gibt es zu essen ?"
Er zögert. "Auberginen ?"
Ich nicke. Ohne mich in Gedanken festlegen zu wollen, sage ich : "Einverstanden."
"Mein Chauffeur kann Sie morgen abholen."
"Ich werde in der Bar vom Plaza sitzen. Er soll nach Doktor Pauli fragen."
"Sie sind Doktor, Mediziner ?" Er schien darüber mehr überrascht zu sein als über alles andere was er bisher über mich erfahren hatte.
"Ich kann nichts dafür, meine Eltern wollten es." Es war nicht gelogen, meine Eltern hatten gewollt, daß ich als Doktor graduierte. Ich hatte die Universität besucht, ich war immer mit dabei, bei den Demonstrationen auf dem Campus, gegen den Muff unter den Talaren, aber den Mief selbst wollte ich nie einatmen. Es hatte bisher auch immer so gelangt. Seien Sie doch mal ehrlich, fragen Sie nach dem Diplom wenn jemand sagt : "Ich bin Doktor " ?
Er beugt sich über den Tisch. Um die Diskretion zu steigern, flüstert er : "In der medizinischen Abteilung, sind Sie da auf den Geschmack gekommen ?"
Wenn er dachte, ich hätte etwas zu verheimlichen, so hatte er sich getäuscht, ich antworte laut : "Wer einmal Blut geleckt hat, kann nicht mehr davon lassen." Ich gieße mir einen Schuß Whisky in den Kaffee. Dann trinke ich schnell, um den Kaffee nicht kalt werden zu lassen.
"Doktor Pauli, ich heiße Richard." Er hält mir sein Glas entgegen.
"Du kannst mich Peter nennen", erwidere ich.
"Wann ?" Er blickt mich durch seine fetten Augen an wie ein Mülleimer den man nach zwei Wochen geleert hat.
"Achtzehn Uhr ." Ich sage es in einem Tonfall der keine Zweifel aufkommen läßt.

***

27.3.07 00:33, kommentieren

Aus dem Tagebuch eines Toten

von

Uwe Kampmann


Ich hatte mich seit einigen Tagen in der Stadt nach einer Frau umgesehen. Jetzt wo ich es schon aufgegeben hatte, saß sie mir gegenüber am anderen Tisch. Die Beine übereinandergeschlagen. Die Sonnenbrille neben dem Eisbecher, den Blick über die Zeitung werfend. Kaltblütig stand ich auf und ging zu ihr hinüber. Ich fragte: "Darf ich mich zu Ihnen setzen ?"
"Tun Sie das ", ihre Antwort klang selbstverständlich. Sie ließ keine Verlegenheit aufkommen. Ich setzte mich. Sie lächelte und fragte: "Erinnern Sie sich an mich ?"
Ich begann scharf nachzudenken. Meine Gedanken kreisten. Sie versagten mir jedwede Erkenntnis trotzdem sagte ich :"Ja, Sie kommen mir bekannt vor. Ich habe schon häufiger von Ihnen geträumt nur tragen Sie heute die Haare anders. Nichtwahr, früher hatten Sie Locken ?"
"Sie erinnern sich also ?"
Wir schwiegen bis der Kellner kam. Ich bestellte einen Campari. Er schien mich zu übersehen. Lächelnd ging er an den Nebentisch und nahm dort die Bestellung auf. Ich blieb gelassen und sagte: "Ich vermute, Sie verwechseln mich."
"Ich glaube nicht."
"Oh doch", ich bestand darauf und winkte erneut dem Kellner zu. Ich schnipste mit den Fingern und rief: "Ober!" Er ignorierte mein Rufen. Achtlos ging er vorbei.
"Gestatten Sie das ich rauche ?"
"Wenn es Ihren Lungen guttut, machen Sie was Sie wollen."
Ich griff mir aus meiner Innentasche eine Zigarette. Sie gab mir Feuer. Ich bemerkte ihre kräftige Hand, sie war sehnig und schien mir älter als ihr Gesicht zu sein.
"Es würde genug sein wenn Sie sich erinnern könnten."
"Tut mir leid, der Kellner irritiert mich."
"Möchten Sie von meinem Eis ?"
"Ich dachte, ich könnte Sie einladen."
"Sie weichen mir aus."
"Ehrlich gesagt", ich zögerte, "ich bin an Ihren Tisch gekommen weil Sie mir gefallen."
"Nur deswegen ? Nicht weil Sie mich kennen ?"
Ich fühlte mich von meinem Gedächtnis hintergangen, das etwas verbarg was sie zu wissen schien. Sie strich sich ein Strähne aus dem Gesicht. "Na, möchten Sie ?" Sie hielt mir ihren Löffel hin. "Erdbeereis."
"Ich rauche jetzt."
"Seien Sie doch nicht so widerspenstig. Ich gefalle Ihnen doch, oder ?"
"Sicher aber deswegen brauchen Sie nicht anfangen mich wie ein Kind zu füttern."
"Das macht doch nichts wenn man sich liebt." Ihr Lächeln machte mich unsicher. Ich konnte mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal so gefühlt hatte, hingezogen und hilflos. Ich überlegte wie ich das ändern konnte. Ich beugte mich zu ihr und verschlang das Eis. Ich spürte die Kälte in meinem Körper, die Leere in meinem Magen und ihren Duft der an Maiengrün erinnerte.
"Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich kann mich erinnern das es vorbei ist", flüsterte sie mir zu.
In diesem Moment setzte sich ein Herr unverfroren auf den Platz auf dem ich saß. Ich zog es vor zu schweigen. Das Ganze könnte zum Ärgernis werden, wenn ich heftig reagieren würde. Er lächelte ihr zu. Sie öffnete ihren Mund. Ich blickte sie an. Das Heulen einer Sirene kam direkt auf mich zu. Meine Ohren schienen platzen zu wollen. Einen Augenblick lang, dann schloß sie ihre Lippen. Die Ruhe kam wie ein Schlag. Meine Erinnerung war wach. Mir wurde klar, sie gruben mich aus den Trümmern, ich lag in ihren Armen. Ein Jahr zuvor hatte Sie mich auf die Welt gebracht. Es war beim letzten Bombenangriff im Keller, das Gas hatte ihr Parfüm verdrängt. Jetzt fiel mir auf wie bleich sie war. Wir waren uns noch einmal begegnet. Meine brüchige Erinnerung fügte sich zusammen. Ich griff nach ihrer Hand.


Wir hatten abseits der großen Fabriken gelebt. Das unregulierbare Brummen der Maschinen war über dem Haus gewesen. Die Sirenen hatte ich für die grelle Stimme des Windes gehalten, der mir in den Tagen vorher, als man mich allein auf dem Balkon gelassen hatte, sanft und warm über das Gesicht gestrichen war. Mein Name war mir noch unaussprechlich gewesen. Im Hof stand ein Kastanienbaum. Der Geruch der Bohnensuppe hatte mich ahnen lassen, daß es Dinge gab die ich noch nicht kannte. Es war auszuhalten gewesen, bis die Fenster und Vitrinen mit brüllendem Klirren zersprungen waren. Sie hatte mich gegriffen. Nur im Treppenhaus brannte noch Licht. Rostiges Quietschen und verschlossene Wände bedeckten die Umgebung. Detonationen pochten gegen die Mauern. Ich hielt meine Augen zusammengekniffen. Ihre Hand glättete meine Stirn. Ich verspürte den Duft von Maiengrün bis mich die Stille umgab.
Schweigend und brennend wie ein Ofen lag die Stadt unter mir als ich sie verließ. Ich wußte das es keine Straße war auf der ich ging. Meine Gedanken hafteten daran das große Ziel zu erreichen, das ich mit meinen zwei Augen nicht zu sehen vermochte. Die vor und hinter mir gingen waren alterslos wie ich. Niemand trug etwas bei sich, was uns hätte unglücklich machen können. In der Zeit nach Sonnenuntergang kamen immer mehr die sich uns anschlossen. Unter uns breitete sich die Dunkelheit wie ein Nachtreptiel aus.
"Du erinnerst dich ?", fragte sie mich.
Ich nickte und hielt immer noch ihre Hand.
"Es ist Zeit für Sie zu gehen", sagte der Herr der auf meinem Platz saß und sah mich an.
"Wieso ?"
"Na sehen Sie nicht das ich auf ihrem Stuhl sitze."
"Und wohin ?", fragte ich.
"Zurück", erwiderte er.
Sie blickte mich mit dem Lächeln an, das mich hatte zu ihr kommen lassen. Ich spürte die Leere in meiner Hand. Ich erhob mich und ging zurück auf die Straße über die ich gekommen war.

27.3.07 23:28, kommentieren

Der unauffällige Mister Roley

Eine unheimliche Begegnung

von

Uwe Kampmann

Ein hilfloses Lächeln streifte über sein Gesicht. Aus seiner Nase quoll Blut. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Er achtete dabei nicht auf seinen Ärmel und seine Manschette. Der Tritt traf ihn von hinten. Er fiel nach vorn auf das Straßenpflaster. Seine Aktentasche wurde ihm aus der Hand gerissen. Zeit darüber nachzudenken blieb ihm nicht. Der Wagen fuhr an, zermalmte seine Hirnschale, ließ ihn zurück. William Roley ? Es gab ihn nicht mehr. Sein Rest war ein ausgestreckter Leichnam ohne Gesicht.
Es dauerte zwanzig Minuten bis die Polizei eintraf. In den Morgennachrichten wurde sein Name genannt. Sein Beruf war Immobilienmakler gewesen. ZORN , das Wort war mit zackigen Kanten auf den Bürgersteig gesprüht, da wo seine Füße lagen. Ein Zufall schien ungewöhnlich. Nirgendwo in der Gegend waren die Häuserwände besprüht. Die Adressen hier waren zu nobel, Geschäftslage in besserer Gegend, kein Aufenthalt für Unzufriedene, nicht mal für Künstler, einfach nur Büros, mit Portierslogen, Parkplätzen und sonst nichts um hier zu wohnen.
Die Aussage des Angestellten einer privaten Bewachungsgesellschaft, der den Fund gemacht hatte, brachte keine Hinweise. Der Portier des Enterprisebuilding sagte :"Mister Roley hat das Gebäude um ein Uhr nachts verlassen."
War das ungewöhnlich ?
Der Portier gab zu Protokoll: "Mister Roley kam meistens morgens um halb Zehn, und je nachdem, manchmal ging er schon wieder nach zwei Stunden, obwohl meistens blieb er bis Sechs am Abend, aber es war auch nicht ungewöhnlich das er länger blieb oder später kam oder erst irgendwann in der Nacht das Haus verließ."
War es eine Zufallstat oder war es die Ausführung eines Plans gewesen ? Da waren die vier Buchstaben, ziemlich genau unterhalb seiner Fußspitzen wenn man berechnet das die Autoreifen den Körper ein Stück weit bewegt hatten.
Wer war Mister Roley gewesen ?
Der Portier sagte aus : "Es gab nie Probleme. Er vermietete Wohnungen und Häuser. Mrs. Woolbridge ist seine Sekretärin, sonst hat er niemanden beschäftigt. Die Büros im Haus sind nicht sehr groß, deswegen sind hier viele Firmen untergebracht. Ich glaube es ist wegen der Adresse, das Viertel hier hat einen guten Namen."
"Hatte Mister Roley eine Familie ?"
Die Ermittlungen ergaben das Mister Roley, als Junggeselle gelebt hatte. Ein Bruder von ihm lebte oben in New England. Sonst gab es niemanden. Das bestätigte auch Mrs. Woolbridge.
"Ich kannte ihn nur als Chef. Persönlich hatten wir keinen Kontakt." Mrs. Woolbridge war zweiundfünfzig. Sie sah sehr gewissenhaft aus mit ihrer Brille und dem grauen Kostüm. Ihre Schuhe besaßen keine Absätze und ihre Fingernägel waren matt und unauffällig lackiert. Es war kaum zu vermuten das sich jemand nach ihr umdrehte.
"Mister Roley hat mich immer pünktlich bezahlt. Er war mit meiner Arbeit zufrieden. Er überließ mir das Anzeigengeschäft. Ich mußte die Telefonate durchstellen und die Klienten beaufsichtigen bevor er mit ihnen sprach."
"Gab es manchmal Ärger ?"
"Mit Mister Roley nie. Zu Weihnachten bekam ich etwas mehr Gehalt und zu meinen Geburtstagen Blumen."
"Und mit den Klienten ?"
"Nein, die waren froh wenn wir ihnen helfen konnten."
"Glauben Sie, es gab jemand der Mister Roley umbringen wollte ?"
Mrs. Woolbridge blickte ratlos, dann schüttelte sie den Kopf: "Ich kann mir das nicht vorstellen."
Die Befragung der Nachbarschaft in der Mister Roley gelebt hatte brachte keine anderen Auskünfte zu Tage. Kein Hinweis auf Homosexualität, keine Feste, Mister Roley hatte unauffällig in seinem Haus gelebt. Er hatte keinen Hund zum Ausführen, alles was sich auf seinem Grundstück bewegt hatte war sein Bentley gewesen mit dem er wegfuhr oder zurückkam.
Mrs. Daniels seine Haushälterin, konnte auch nichts hinzufügen was Licht in den Tod von Mister Roley hätte bringen können. Sie war zweimal in der Woche zum Putzen gekommen und hatte sich um den Rasen gekümmert. Nein, von einer Beziehung von Mister Roley zu einer anderen Person war ihr nichts bekannt, daß hätte ihr auffallen müssen, immerhin kam sie seit vier Jahren regelmäßig in das Haus.
Und sonst ?
"Mister Roley hat mit mir nie viel gesprochen, er hat immer pünktlich bezahlt und war mit meiner Arbeit zufrieden."
Vielleicht konnte ein Photo mehr Auskunft über Mister Roley geben. Mrs. Daniels, Mrs. Woolbridge und der Portier hatten sich für eine von mehreren Aufnahmen übereinstimmend entschieden. Es waren nicht viele Bilder im Haus gefunden worden, aber dieses eine schien Mister Roley so zu zeigen wie er zuletzt ausgesehen hatte. Er stand neben seinem Bentley, im Hintergrund war ein leerer Strand und dahinter das Meer. Es hätte jeder Strand und jedes Meer sein können, irgendwo an der Ostküste, vielleicht im Süden oder westlich am Pazifischen Ozean. Auf jeden Fall ein Fleck der nicht überlaufen war. Mit wem war Mister Roley an einen menschenleeren Strand gefahren ? Oder auch nicht ? Er allein, der Apparat auf einem Stativ, mit einem Selbstauslöser fotografiert ? Eine genaue Aussage war nicht möglich. Im Haus war ein Stativ gefunden worden und die beiden Frauen konnten nur sagen: "Ja, Mister Roley hatte vor vier Monaten Urlaub gemacht." Näher hatte er sich dazu nicht geäußert.
Er schien kaum jemanden gekannt zu haben. Es war die Presse, die die Öffentlichkeit mit ihm beschäftigte. Und die Polizei. Natürlich, es war ein Fall für sie. Es war ein Fall für sich.
Mister Roley lag zum Zeitpunkt als man sich mit ihm zu beschäftigen begann in der gerichtsmedizinischen Pathologie. Das fehlende Gesicht wurde durch das Photo ersetzt. Zu dem Rest den man von ihm gefunden hatte war es nicht besonders schmeichelhaft. Er sah irgendwie zu früh aus dem Ei geschlüpft aus. Sein Schädel wirkte eher abstoßend, hoch, glänzend, mit einigen häßlichen Falten. Herausragend war die Vorderglatze, obwohl er war erst zweiundvierzig gewesen. Sein übriges Äußere als man ihn gefunden hatte, entsprach dem gehobenen Anspruch. Der Anzug, die Schuhe, die Uhr, selbst die Unterwäsche waren kein billiges Zeug gewesen. Die Ermittlung ergab, er war kein Kind reicher Eltern gewesen. Beide Söhne hatten sich zeitig von der Familie gelöst. Sein Bruder Stewart führte ein Leben als Lebensmittelkaufmann im Norden nachdem er seine Frau kennengelernt hatte und in das Geschäft eingeheiratet hatte. Völlig unauffällig, drei Jahre Militärdienst in Vietnam, und danach nie mehr in den Akten in irgendeiner Form aufgetaucht.
Mister William Roley, das war nicht schwer herauszubekommen war dienstuntauglich gewesen. Schon bei der Musterung hatte er angefangen zu heulen. Hypersensibel, unberechenbar, war in dem Militärgutachten vermerkt worden, daher untauglich.
Sein Bruder hatte ihn zum letzten Mal bei der Beerdigung ihres Vaters gesehen, der sechs Wochen nach dem Tod seiner Frau gestorben war. Aber das lag schon so lange zurück.
Irgendwer hatte William Roley auf den Gedanken gebracht es mit Immobilien zu versuchen. Seine ersten Anzeigen in den Zeitungen waren überschrieben gewesen: ´Ich bin Ihr Rettungsanker.` Er hatte damit begonnen Wohnungen, die schon zum Abbruch bereitstanden kurzfristig zu vermieten. Dann hatte er selber Grundstücke gekauft und Häuser gebaut. Nach acht Jahren besaß er bereits ein Vermögen.
Feinde ? Wenn man schon keine Freunde besitzt, heißt das noch lange nicht das man anderen Menschen aus dem Weg geht.
Sein Bruder gab zu Protokoll: "Ich war der Ältere. Wir waren nur zwei Jahre auseinander. Er hat immer schnell angefangen zu weinen. Ich glaube er fing damit an, als er sah wie unser Vater mich häufig schlug. Wenn mich der erste Hieb traf, unser Vater nahm seinen Gürtel, dann fing er gleich an zu weinen. Unsere Mutter hatte immer nur hilflos zugesehen. Wir haben häufig Schläge bekommen. Ich habe erst immer geschrien wenn ich es nicht mehr aushalten konnte. Mein Bruder fing schon vorher an. Es genügte wenn unser Vater seinen Gürtel aus der Hose zog."
Nachdem William Roley das elfte Grundstück erworben hatte, war er in das Enterprisebuilding gezogen. Sein Büro füllte sich mit Papierkram, so wie es eben ist wenn man erfolgreich ist. Zum Glück hatte er Mrs. Woolbridge.
"War Mister Roley ein hilfsbereiter Mensch ?"
Mrs. Woolbridge nickte : "Ich glaube ja."

Ich traf William Roley unterwegs, das heißt, ich war ebenso wie er schon einige Tage tot. Nicht das ich mich darüber beklagen möchte. Es ist einfach so, man kann, darf oder will nicht mehr, verläßt seinen Körper, ist unterwegs, trifft einige Leute und keiner nimmt uns wahr. Wir gammeln noch vierzig Tage herum, einfach so ohne Anstrengung. Wir lachen das uns kein Fremder hört und wir sprechen ohne das uns jemand versteht. William stand vor mir in der Reihe. Er war versucht aber ich sagte: "Dreh dich nicht um."
"Kann ich trotzdem reden ?"
"Du wirst es müssen", raunte ich ihm zu.
"Es waren drei. Eine schlug mit einem Eisenstab auf mich ein, die Andere gab mir den Stoß. Es kam so unverhofft. Dann war meine Tasche weg und das Auto fuhr an."
"Hattest du Schmerzen ?"
"Nein."
"Was willst du mehr", sagte ich.
"Und was geschieht jetzt ?"
"Entspann dich, denke mal darüber nach, es wird dir wieder einfallen. Wenn du denkst du bist das erste Mal hier, dann irrst du dich, außerdem ermittelt die Polizei."
"Wird es herauskommen ? Ich meine, warum sie es getan haben ?"
"Na klar, da gibt es nichts zu verbergen und ob die Polizei weiterkommt kann dir egal sein, verstehst du ? Es geht jetzt nur darum ob du wieder zurück mußt."
Er schien nervös zu werden. Er trat von einer Wolke auf die andere wie man hier sagt. Die Schlange in der wir standen bewegte sich langsam voran. Weil er vor mir ging, mußte er auch vor mir an den Spiegel. Ich blieb seitlich stehen Ich konnte ihm über die Schulter blicken. Sein Gesicht wartete bereits auf ihn. Sein Mund blickte aufgerissen wie ein offenes Fischmaul und seine Augen starrten, schmal und eng wie ein Paar zugeschnürter Schuhe. Über den Falten erhob sich der vorderglatzige Schädel. Ob er gut aussah oder nicht war hier nicht die Frage. Es entschied sich an den Adjektiven die ihm entgegenblickten. Gierig, gerissen, feige. Er versuchte zu lächeln. Zu seiner Verteidigung sagte er:" Ich hasse die Menschen, besonders die unfähig sind Geld zu verdienen. Was ich brauchte konnte ich mir kaufen oder nehmen, je nachdem wie schwach die Anderen waren. Ich bin stolz darauf."
Es liegt an der Atmosphäre hier das man keine Ausflüchte sucht.
Seine Worte verschwammen im Spiegel. Sein nackter Körper schimmerte aus dem Glas. Im Hintergrund war das Enterprisebuilding zu sehen. William Roley stand in seinem Büro. Er beugte sich über eine Frau. Er hielt in der Hand einen Gürtel. Er hob seinen Arm und schlug der Frau auf den nackten Körper. Anstelle von Worten drang Keuchen aus seinem Mund. Durch eine Wand hindurch war Mrs. Woolbridge zu erkennen. Sie sortierte Quittungen. William Roley schlug noch mal zu. Als er abließ fragte die Frau : " Bekomme ich die Wohnung ?"
So war er gewesen. Es war für ihn nicht schwer neue Opfer zu finden. Sie kamen in sein Büro. Die Bearbeitungsgebühr war vorher zu entrichten gewesen.
In jener Nacht hatte er den Frauen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die eine Frau hatte von vorn zugeschlagen, ihre Schwester hatte hinter dem Steuer gesessen. Die Mutter der beiden hatte William Roley von hinten den Stoß verpaßt bevor der Wagen anfuhr. Eilig hatte sie das Wort ´ZORN´ auf den Bürgersteig gesprüht. Die Ermittlungen der Polizei blieben ohne Ergebnis.
Ich hörte ihn noch sagen :"Muß das sein ?", dann sah ich ihn hinter der Tür für Wiedergeburten verschwinden.
Als ich vor den Spiegel trat, war Roley bereits für mich in der Vergangenheit verschwunden. Ich blickte eine Weile in das Glas bis eine Schrift aufleuchtete und mir mitteilte: "Sie bleiben in der Zukunft hier." Ich atmete auf und erfüllte mir einen letzten Wunsch.
Also schrieb ich meinem Verleger. "Mein Lieber, ich habe zu tief ins Glas geschaut. Erinnern Sie sich nicht ? Über das wie, will ich kein Wort verlieren. Bitte bedrängen Sie mich nicht. Lassen Sie mich in Ruhe."

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