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Rückzug

von
Uwe Kampmann

Auf seinem Gesicht lag die Vergangenheit.
Der Filzhut legte die Stirn in Schatten.
Seine Augen schimmerten auf der bleichen Haut
umgeben von den scharfen Kanten seiner Wangenknochen,
dem stillen Lächeln seiner Lippen
und den eingeschnittenen Linien,
die wie Siele das Watt durchziehen.
Seine Füße hatten Berge bestiegen,
seine Hände Äcker gepflügt,
er war durch Sümpfe geflohen,
hatte Zuflucht in schützenden Wäldern gefunden,
dort wo es nicht nach Menschenfleisch roch
bittere Tränen geschmeckt,
Salz gekostet.
Seine Erinnerungen waren vielerorts,
ohne Reisegefährten,
stillgelegt,
verewigt,
so steinig,
gleich dem Lächeln wenn der Wind am Felsen nagt.
Ohne Rückkehr.
Zeit jetzt loszulassen,
nicht länger fremd bleiben,
bis endlich das Licht erlöscht.
Es hat auch guteTage gegeben.


*

4.4.07 06:26, kommentieren



Zwischenzeit

von

Uwe Kampmann

Ich war eine eigentlich typische Uneigentlichkeit. Wenn ich an mir herunterblickte, sah ich weder meine Füße noch sonst irgend etwas von mir. Es war mir auch egal, so egal wie der Rest, schließlich sah auch niemand meine Augen. Eigentlich hätte ich mich auch so nennen können, niemand, Herr Niemand oder war ich Frau ? Das war mir so egal wie alles übrige, störte ich doch niemand, solange wie man mich nicht sah und hören konnte. Niemand störte mich genau wie ich niemand störte, auch du nicht, bis ich zur Welt kam.
Kam ich oder kam die Welt zu mir ? Es war mir egal, so wie mir bisher alles egal gewesen war.
Mein Kopf war kahl, und auch das störte mich nicht. Von Ihnen weiß ich, es würde Sie verdammt sehr stören keine Haare auf dem Kopf zu haben. Haben Sie erst mal keine, dann würde es Sie auch nicht mehr stören.
Ich schrie als ich hierher kam, ich wollte nicht, man gab mir Milch und
sagte :"Baby, schön happi."
Ich verstand, Baby schön häppy. Ich schrie erneut, ich war nicht einverstanden. Niemand kümmerte sich darum. Man stopfte mich voll bis mir die Luft aus dem Bauch quoll. Ich sah an mir herunter und sah mich, meine Füße, meinen Bauch und meine Hände. Jeder Fetzen an mir zeigte wo ich aufhörte, ich hörte auf am Ende meiner Glatze und am Rund meiner Fingernägel und an den Füßen sah es nicht besser aus. Ich war geformt. Auf einmal war ich da. Man nannte mich gesund.
Ich schrie und man stopfte mich voll.
Heute liege ich hier. Meine Haare, ich bin so kahl wie ich kam. Meine Grenzen sind verschoben, die Nägel da wo Hände und Füße sind, lang und schmutzig.
Man beugt sich über mich. Man sagt: "Er ist krank und alt."
Ich spüre Durst. Ich kann nicht mehr sprechen, nur meine Augen.
"Ich glaube er möchte sterben", sagt jemand.
Jemand anderes sagt:" Ich glaube es wird nicht mehr lange dauern."
Niemand reicht mir Wasser. Ich sehne mich danach, niemand zu sehen.


*

1 Kommentar 4.4.07 06:36, kommentieren

Der letzte Schrei

von

Uwe Kampmann


Um seine Hüften trägt er ein Lambadaröckchen. Er tanzt zur Musik und ruft im Rhythmus :"Alles Banane !"
In seinem Kopf kreist der Tropenrum. Er schleudert seine Hände in die Luft und fängt sie mit seinen Armen wieder auf. Er dreht sich um sich selbst. Sein Becken drückt er überhart nach rechts und nach links, wirft den Kopf in den Nacken, blickt senkrecht nach oben, schreit :"Uh, uh, alles Banane !"
Um seinen Hals trägt er einen Kranz Blumen. Er springt in die Luft, kommt zurück auf seine Füße, hält den Kopf im Nacken, schreit :"Alles Banane !"
Schrill, ekstatisch, die Deckenscheinwerfer blitzen. Er kugelt sich auf dem Boden, rollt mit seinen Augen, zuckt mit den Knien, der Kopf berührt hinten den Boden. Alles an ihm vibriert als er sich beginnt aufzurichten. Seine Finger verschlingen sich ineinander. Er dreht sich um seine Achse, fixiert mit seinen Augen den Barmann, mit seinen Armen rudert er sich zum Tresen, greift nach einem Glas Tropenwasser, leert es mit einem Zug, wirft dem Barmann das Glas zu, springt zurück in die Musik und schreit : "Alles Banane !"
Der Schweiß tropft aus ihm wie Wasser aus einem Teebeutel. Er verzieht sein Gesicht wie eine Mischung von Kunst und Aspirin. Er schreit : "Alles Banane ! Banane ! Banane !"
Die Musik beginnt von vorn. Ihr Ende ist nur ein neuer Anfang.
"Alles Banane !"
Um den Kopf trägt er ein Tuch. Neben ihm Postkartenansichten an den Wänden, mit Palmen.
"Alles Banane !"
Plötzlich schreit einer :" Nein alles Fuzzi !"
Er reißt sich die Bananen von den Hüften, brüllt : "Ja, alles ist Fuzzi !"
Seine Eier hüpfen im Rhythmus. Jemand greift nach seinem Schwanz, köpft ihn mit einem Messer, hält ihn hoch und schreit :" Wir sind Kannibalen !"
Alle schreien : "Wir sind Kannibalen !"
Sie fallen übereinanderher. Das Massaker quillt zur Ekstase. Der Letzte schwingt in jeder Hand einen Kopf, und tanzt auf den massakrierten Leibern.
Die Musik beginnt von vorn.
Der Barmann liegt blutend über dem Tresen.
Der Tänzer nascht vom Blut der anderen. Er schreit in die toten Ohren : " Das ist modern !"


*

1 Kommentar 4.4.07 06:44, kommentieren

Der Sprung

von

Uwe Kampmann


Meine Erinnerung ist brüchig. Das Gefühl stumpf. Die Hoffnung nur noch eine Ansiedlung von Unsicherheit. Ohne zusammengefügt zu sein, nur auf Blickkontakt, noch nicht aus den Augen verloren, was mal gewesen schien. Es hätte nicht mal mehr eines Tritt in den Spiegel bedurft. Eine leere Packung Zigaretten und eine Schachtel naß, aufgeweichter Streichhölzer wären das Gleiche gewesen. Wie ungeschickt aufgetragenes Make - up. Verschwommen auch ohne Tränen. Jedes Wort, - hätte noch eines kommen können, hätte nur "Hilfe" sein können. Eine Berührung hätte Wunden hinterlassen. Weg von hier. Ist es erstmal so weit fällt es nicht schwer.
Ein bischen Luftveränderung wird mir gut tun. Ich gehe auf das Dach. Ein Schritt, schon nach dem Zweiten wird es leicht. Die Erinnerung kehrt zurück. Das Gefühl ist angenehm. Noch zehn Stockwerke und die Hoffnung wieder Boden unter mir zu haben.
Ja, Sie da unten, genau Sie. Sie können auch ihren Nebenmann oder ihre Nebenfau anstoßen wenn Sie Fragen haben. Es interessiert mich nicht ob Sie sich kennen. Sie werden sich gleich in die Augen schauen. Achten Sie mal darauf wie Sie nach zwei Minuten auseinandergehen werden. Mit dem Gefühl, ach was sind Worte, Blicke, mit dem collectiven Blick des Erschauerns. Sie brauchen mich nicht zu bedauern. Ich bedauer Sie auch nicht.
Ich weiß sie sehen nur mich. Ich sehe sie alle, unter mir eine gespannt schweigende, atemholende Masse Fleisch auf mehr als vierhundert Beine gestellt, gierig, still nach oben blickend.
Ich atme während die unter mir die Luft anhalten. Ich fühle mich den Spatzen auf dem Dach näher als allem Anderen was mich umgibt.
Ich werde warten bis ich die Sirenen höre, auch dann habe ich noch Zeit. Ich werde warten bis sie aus den Fahrzeugen springen und die Menge sich teilt. Von unten wird eine Stimme von Regelverstoß sprechen. Der sich nähernde Sirenenrap läßt mich tänzeln. Als ich die Stimme höre lache ich den Spatzen zu.
Im achten Stockwerk am Fenster begegnet mir noch eine Frau der ich ein Lächeln zuwerfe.
Ich habe die Welt abgeschafft.


*

4.4.07 06:51, kommentieren

Unterwegs - eine Erinnerung

Eine Begegnung der unheimlichen Art.


von

Uwe Kampmann


Die Straße war ungeteert. Irgendwann war sie abgezweigt. Wie ein langes Band zog sie sich bis zum Horizont zwischen den Wiesen entlang. Nicht unerwähnt soll bleiben das hier keine Menschen lebten. Jede weitere Hintergrundinformation ist überflüssig. Warum auch ? Es war einer der abgelegensten Winkel dieser Welt.
Der Wind wehte von Nordwest. Nicht eine einzige Wolke war am Himmel.
Als ich an der Stelle stand die ich zuerst als letzten Punkt am Horizont gesehen hatte, senkte sich der Weg in ein Tal.
Plötzlich stand er vor mir, mit einem knochentrockenem Grinsen. Sein Kopf war kahl. In der Hand hielt er eine Sense.
Mein Innenleben geriet zum Stillstand. Ich blickte ihn an. "Verdammt abgelegen hier ", sagte ich. Meine Stimme dröhnte in die Stille.
"Ein Ort zum schlafen ", entgegnete er.
Es war nicht schwer zu erkennen auf welchem Dienstleistungssektor er tätig war.
Seine Zähne blitzten wie stumpfe Rasierklingen und seine Augen schimmerten gelblich. Ein Häufchen von körnigem Kalkstein umgab seine Füße.
Ich bot ihm einen Schluck aus meiner Wasserflasche an.
Aus der Brutstätte seines Herzens erwiderte er :"Das brauchst du zum Überleben."
Ich lachte wie der Schrei eines Adlers.
Er zuckte zusammen.
" Darauf kann ich verzichten", entgegnete ich.
Ich ging einen Schritt auf ihn zu, blickte in seine hohlen Augen und sagte :" Geh mir aus dem Weg. Ich will in die tote Stadt."
"Noch zehn Kilometer ", sagte er und zeigte mit seinen Fingern die spitz wie Sargnägel waren in die nördliche Richtung. Er nahm einen Schluck aus der Flasche. Das Wasser rieselte zwischen ihm hindurch hinunter auf den Boden und versickerte.
Ich nahm die Flasche zurück und stieg hinunter in das Tal. Hier hatte alles seine Wirklichkeit verloren. Die Hügel sahen aus wie aufgeworfene Sandhaufen. Die Häuser die ich sah erinnerten mich an Grabsteine deren Fenster dicht vermauert jedem Licht den Zugang verwehrten. Der Himmel war bleiern und eine breite Bucht schloß sich an den Ort an.
Luftverhangene Gestalten blickten mich an. Nicht zufällig blickten sie wie unentdeckte Neuheiten, deren Augen an den Rändern lagen, mit Nasen die bis zum Boden reichten. Mitten aus der Stadt erhob sich eine Metall glänzende Pyramide.
Die Stadt war ein in sich abgeschlossener Ort. Ich ging durch Gänge die Straßen sein sollten, kam in Räume die Plätze darstellten bis zum kreisförmigen Zentrum.
Alles, Sprechweise und Geschmack waren hier anders, Umgangsformen waren wie man sich gab. Warum also hätte ich mich anders benehmen sollen, wie sonst auch ?
Ich nahm mein Hiersein als Selbstverständlichkeit hin. Ich hatte auf jede schriftliche Anmeldung verzichtet und Dokumente trug ich auch keine bei mir. Alles war mir zu vertraut um mir fremd zu erscheinen. Mein Hiersein war eine unentbehrliche Selbstverständlichkeit. Bei dieser ganzen tiefschichtigen Absurdität des Todes ging es darum ein neues Leben zu erhalten. Es galt die Vorherrschaft von Erinnerungen zu beseitigen. Das Denken mit einem fremden Gedächtnis setzte ein. Es gab nicht mal mehr Merkwürdigkeiten die wie Merkwürdigkeiten erschienen. Es ging einfach darum ein neues Leben zu bekommen. Wer Engländer war, mußte nicht unbedingt Engländer bleiben.
Der Versuch sich irgendwelchen Erklärungen auszusetzen war sinnlos. Jeder hier wußte das nichts einer Erklärung bedurfte. Alles war Zeitgeist. Die Zeit für sich selbst, isoliert, nur eine klebrig geronnene Masse.
Hier wurde der Tod tranzendiert. Die Voraussetzung war ihm zu begegnen, ihm zu entrinnen bleibt für ewig eine Illusion.
Was die neue Identität betrifft so besteht ein Aneignungsverbot, wurde mir mitgeteilt. Alles würde sich aus der Reflexion ergeben. Einen Schutz vor irgendwelchen zukünftigen Maßnahmen gab es nicht. Ich wußte nicht was mich erwarten würde.
Die Zentralmaschine zog mich immer näher an sich heran. Ich spürte ihre Aufgabe, wie sie meine Signale empfing. Was mich am weitesten von ihr entfernt hatte war mein Menschsein gewesen. Ich war wieder angelangt, dort wo einmal am Tag unserer Zeitrechnung, nur kurz, wie in einem Erinnerungsspeicher, die Information des Vergangenen festgehalten wurde, bis zum Tag unserer Ankunft.
Das Hiersein glich einer neuen Einweihung. Die Riten sind nüchtern. Hier wird man zu dem was man bisher abgelehnt hatte. Aufgeladen bekommt jeder was er bisher haßte. Darum ist Liebe das Beste was man tun kann. Es ist Zeit für mich, mich daran zu erinnern.


*

4.4.07 06:56, kommentieren

Eine Strassenrandgeschichte

von

Uwe Kampmann

Alles war ein großes Durcheinander. Das Gewirr der Stimmen, das Hupen der Autos, die Stockungen auf den Bürgersteigen, die neugierigen Blicke, die näher drängende Masse Mensch, die unterschiedlichen Gesichter, widerliche, erschrockene, freundliche, anteilnehmende, fragende Mienen .
Es war ein plötzlicher Eindruck gewesen. Das Quietschen der Bremsen. Ich hatte noch den Stoß gespürt, daran erinnern konnte ich mich jetzt nicht mehr. Ein Stück zur Seite geschleudert, liegengeblieben so wie ich jetzt lag, die Stimmen hörte, die Geräusche wahrnahm, mit aufgerissenen Augen in die Gesichter blickte und hörte wie jemand sagte :" Er atmet", dann hörte ich das Wort : "Polizei", ein anderer sagte: "Krankenwagen."
Ich hatte das schon ein dutzend Mal gehört.
Ich lag hier und wartete. Schmerzen hatte ich keine. Die Hände die nach mir griffen spürte ich nicht. Eine Decke wurde nach vorne gereicht und über mir ausgebreitet. Ich hatte nichts dagegen, mir war kalt geworden. Nur mein Gesicht blieb frei. Ich fühlte mich leicht und spürte den zunehmenden Abstand meiner Wahrnehmungen meiner Umgebung gegenüber. Die Zeit nahm ich empfindsam wahr. Die Sekunden waren von unendlicher Dauer ohne das es mich störte. Irgendwann würde etwas geschehen, weitergehen oder vorbei sein. Die mich umgaben würden wieder in Bewegung geraten, auf den Weg nach Hause, zur Arbeit oder zu irgendeinem Vergnügen. Ihren Familien, ihren Arbeitskollegen oder Freunden würden sie erzählen mir begegnet zu sein.. Morgen würden aufmerksame, neugierige Augen in den Zeitungen nach mir suchen. Wer war das ? Wie ging es weiter ? Übermorgen schon würde ich vergessen sein.
Meine Gedanken erschienen mir klar wie selten. Unklar blieb vorerst, konnte ich mich noch bewegen ? Was ich spüren konnte war mein Kopf auf dem Hals. Bewegungslosigkeit war mir genausowenig angeboren wie die Fähigkeit zu fliegen. Ich begann mich davor zu fürchten abgeholt zu werden, in irgendeines der Hospitäler. Der Gedanke erschreckte mich mehr als das was geschehen war. Die Frage warum ich, tat ich einfach mit der Antwort ab, warum ich nicht, - trotzdem, ich verlangte nicht nach mehr. Bis hierher hatte es mir genügt. Hier könnte es enden. Es wäre o.k. Ich hörte sie näher kommen, die Sirenen, sie kamen näher und näher, und näher und immer näher bis ich wußte sie meinten mich. Für die anderen um mich herum war es ein Tag wie jeder andere, genauso für den Arzt und die Sanitäter. Meine Gedanken gerieten in einen Taumel als ich sah wie sie nach mir griffen und ich sie nicht spürte. Ich wurde getragen und hörte das Zuschlagen der Türen und auch das Geräusch der Beatmungsmaschine. Dann war es totenstill. Ich war froh.


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1 Kommentar 4.4.07 07:05, kommentieren