Aus dem Tagebuch eines Toten

von

Uwe Kampmann


Ich hatte mich seit einigen Tagen in der Stadt nach einer Frau umgesehen. Jetzt wo ich es schon aufgegeben hatte, saß sie mir gegenüber am anderen Tisch. Die Beine übereinandergeschlagen. Die Sonnenbrille neben dem Eisbecher, den Blick über die Zeitung werfend. Kaltblütig stand ich auf und ging zu ihr hinüber. Ich fragte: "Darf ich mich zu Ihnen setzen ?"
"Tun Sie das ", ihre Antwort klang selbstverständlich. Sie ließ keine Verlegenheit aufkommen. Ich setzte mich. Sie lächelte und fragte: "Erinnern Sie sich an mich ?"
Ich begann scharf nachzudenken. Meine Gedanken kreisten. Sie versagten mir jedwede Erkenntnis trotzdem sagte ich :"Ja, Sie kommen mir bekannt vor. Ich habe schon häufiger von Ihnen geträumt nur tragen Sie heute die Haare anders. Nichtwahr, früher hatten Sie Locken ?"
"Sie erinnern sich also ?"
Wir schwiegen bis der Kellner kam. Ich bestellte einen Campari. Er schien mich zu übersehen. Lächelnd ging er an den Nebentisch und nahm dort die Bestellung auf. Ich blieb gelassen und sagte: "Ich vermute, Sie verwechseln mich."
"Ich glaube nicht."
"Oh doch", ich bestand darauf und winkte erneut dem Kellner zu. Ich schnipste mit den Fingern und rief: "Ober!" Er ignorierte mein Rufen. Achtlos ging er vorbei.
"Gestatten Sie das ich rauche ?"
"Wenn es Ihren Lungen guttut, machen Sie was Sie wollen."
Ich griff mir aus meiner Innentasche eine Zigarette. Sie gab mir Feuer. Ich bemerkte ihre kräftige Hand, sie war sehnig und schien mir älter als ihr Gesicht zu sein.
"Es würde genug sein wenn Sie sich erinnern könnten."
"Tut mir leid, der Kellner irritiert mich."
"Möchten Sie von meinem Eis ?"
"Ich dachte, ich könnte Sie einladen."
"Sie weichen mir aus."
"Ehrlich gesagt", ich zögerte, "ich bin an Ihren Tisch gekommen weil Sie mir gefallen."
"Nur deswegen ? Nicht weil Sie mich kennen ?"
Ich fühlte mich von meinem Gedächtnis hintergangen, das etwas verbarg was sie zu wissen schien. Sie strich sich ein Strähne aus dem Gesicht. "Na, möchten Sie ?" Sie hielt mir ihren Löffel hin. "Erdbeereis."
"Ich rauche jetzt."
"Seien Sie doch nicht so widerspenstig. Ich gefalle Ihnen doch, oder ?"
"Sicher aber deswegen brauchen Sie nicht anfangen mich wie ein Kind zu füttern."
"Das macht doch nichts wenn man sich liebt." Ihr Lächeln machte mich unsicher. Ich konnte mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal so gefühlt hatte, hingezogen und hilflos. Ich überlegte wie ich das ändern konnte. Ich beugte mich zu ihr und verschlang das Eis. Ich spürte die Kälte in meinem Körper, die Leere in meinem Magen und ihren Duft der an Maiengrün erinnerte.
"Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich kann mich erinnern das es vorbei ist", flüsterte sie mir zu.
In diesem Moment setzte sich ein Herr unverfroren auf den Platz auf dem ich saß. Ich zog es vor zu schweigen. Das Ganze könnte zum Ärgernis werden, wenn ich heftig reagieren würde. Er lächelte ihr zu. Sie öffnete ihren Mund. Ich blickte sie an. Das Heulen einer Sirene kam direkt auf mich zu. Meine Ohren schienen platzen zu wollen. Einen Augenblick lang, dann schloß sie ihre Lippen. Die Ruhe kam wie ein Schlag. Meine Erinnerung war wach. Mir wurde klar, sie gruben mich aus den Trümmern, ich lag in ihren Armen. Ein Jahr zuvor hatte Sie mich auf die Welt gebracht. Es war beim letzten Bombenangriff im Keller, das Gas hatte ihr Parfüm verdrängt. Jetzt fiel mir auf wie bleich sie war. Wir waren uns noch einmal begegnet. Meine brüchige Erinnerung fügte sich zusammen. Ich griff nach ihrer Hand.


Wir hatten abseits der großen Fabriken gelebt. Das unregulierbare Brummen der Maschinen war über dem Haus gewesen. Die Sirenen hatte ich für die grelle Stimme des Windes gehalten, der mir in den Tagen vorher, als man mich allein auf dem Balkon gelassen hatte, sanft und warm über das Gesicht gestrichen war. Mein Name war mir noch unaussprechlich gewesen. Im Hof stand ein Kastanienbaum. Der Geruch der Bohnensuppe hatte mich ahnen lassen, daß es Dinge gab die ich noch nicht kannte. Es war auszuhalten gewesen, bis die Fenster und Vitrinen mit brüllendem Klirren zersprungen waren. Sie hatte mich gegriffen. Nur im Treppenhaus brannte noch Licht. Rostiges Quietschen und verschlossene Wände bedeckten die Umgebung. Detonationen pochten gegen die Mauern. Ich hielt meine Augen zusammengekniffen. Ihre Hand glättete meine Stirn. Ich verspürte den Duft von Maiengrün bis mich die Stille umgab.
Schweigend und brennend wie ein Ofen lag die Stadt unter mir als ich sie verließ. Ich wußte das es keine Straße war auf der ich ging. Meine Gedanken hafteten daran das große Ziel zu erreichen, das ich mit meinen zwei Augen nicht zu sehen vermochte. Die vor und hinter mir gingen waren alterslos wie ich. Niemand trug etwas bei sich, was uns hätte unglücklich machen können. In der Zeit nach Sonnenuntergang kamen immer mehr die sich uns anschlossen. Unter uns breitete sich die Dunkelheit wie ein Nachtreptiel aus.
"Du erinnerst dich ?", fragte sie mich.
Ich nickte und hielt immer noch ihre Hand.
"Es ist Zeit für Sie zu gehen", sagte der Herr der auf meinem Platz saß und sah mich an.
"Wieso ?"
"Na sehen Sie nicht das ich auf ihrem Stuhl sitze."
"Und wohin ?", fragte ich.
"Zurück", erwiderte er.
Sie blickte mich mit dem Lächeln an, das mich hatte zu ihr kommen lassen. Ich spürte die Leere in meiner Hand. Ich erhob mich und ging zurück auf die Straße über die ich gekommen war.

27.3.07 23:28

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