Der unauffällige Mister Roley

Eine unheimliche Begegnung

von

Uwe Kampmann

Ein hilfloses Lächeln streifte über sein Gesicht. Aus seiner Nase quoll Blut. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Er achtete dabei nicht auf seinen Ärmel und seine Manschette. Der Tritt traf ihn von hinten. Er fiel nach vorn auf das Straßenpflaster. Seine Aktentasche wurde ihm aus der Hand gerissen. Zeit darüber nachzudenken blieb ihm nicht. Der Wagen fuhr an, zermalmte seine Hirnschale, ließ ihn zurück. William Roley ? Es gab ihn nicht mehr. Sein Rest war ein ausgestreckter Leichnam ohne Gesicht.
Es dauerte zwanzig Minuten bis die Polizei eintraf. In den Morgennachrichten wurde sein Name genannt. Sein Beruf war Immobilienmakler gewesen. ZORN , das Wort war mit zackigen Kanten auf den Bürgersteig gesprüht, da wo seine Füße lagen. Ein Zufall schien ungewöhnlich. Nirgendwo in der Gegend waren die Häuserwände besprüht. Die Adressen hier waren zu nobel, Geschäftslage in besserer Gegend, kein Aufenthalt für Unzufriedene, nicht mal für Künstler, einfach nur Büros, mit Portierslogen, Parkplätzen und sonst nichts um hier zu wohnen.
Die Aussage des Angestellten einer privaten Bewachungsgesellschaft, der den Fund gemacht hatte, brachte keine Hinweise. Der Portier des Enterprisebuilding sagte :"Mister Roley hat das Gebäude um ein Uhr nachts verlassen."
War das ungewöhnlich ?
Der Portier gab zu Protokoll: "Mister Roley kam meistens morgens um halb Zehn, und je nachdem, manchmal ging er schon wieder nach zwei Stunden, obwohl meistens blieb er bis Sechs am Abend, aber es war auch nicht ungewöhnlich das er länger blieb oder später kam oder erst irgendwann in der Nacht das Haus verließ."
War es eine Zufallstat oder war es die Ausführung eines Plans gewesen ? Da waren die vier Buchstaben, ziemlich genau unterhalb seiner Fußspitzen wenn man berechnet das die Autoreifen den Körper ein Stück weit bewegt hatten.
Wer war Mister Roley gewesen ?
Der Portier sagte aus : "Es gab nie Probleme. Er vermietete Wohnungen und Häuser. Mrs. Woolbridge ist seine Sekretärin, sonst hat er niemanden beschäftigt. Die Büros im Haus sind nicht sehr groß, deswegen sind hier viele Firmen untergebracht. Ich glaube es ist wegen der Adresse, das Viertel hier hat einen guten Namen."
"Hatte Mister Roley eine Familie ?"
Die Ermittlungen ergaben das Mister Roley, als Junggeselle gelebt hatte. Ein Bruder von ihm lebte oben in New England. Sonst gab es niemanden. Das bestätigte auch Mrs. Woolbridge.
"Ich kannte ihn nur als Chef. Persönlich hatten wir keinen Kontakt." Mrs. Woolbridge war zweiundfünfzig. Sie sah sehr gewissenhaft aus mit ihrer Brille und dem grauen Kostüm. Ihre Schuhe besaßen keine Absätze und ihre Fingernägel waren matt und unauffällig lackiert. Es war kaum zu vermuten das sich jemand nach ihr umdrehte.
"Mister Roley hat mich immer pünktlich bezahlt. Er war mit meiner Arbeit zufrieden. Er überließ mir das Anzeigengeschäft. Ich mußte die Telefonate durchstellen und die Klienten beaufsichtigen bevor er mit ihnen sprach."
"Gab es manchmal Ärger ?"
"Mit Mister Roley nie. Zu Weihnachten bekam ich etwas mehr Gehalt und zu meinen Geburtstagen Blumen."
"Und mit den Klienten ?"
"Nein, die waren froh wenn wir ihnen helfen konnten."
"Glauben Sie, es gab jemand der Mister Roley umbringen wollte ?"
Mrs. Woolbridge blickte ratlos, dann schüttelte sie den Kopf: "Ich kann mir das nicht vorstellen."
Die Befragung der Nachbarschaft in der Mister Roley gelebt hatte brachte keine anderen Auskünfte zu Tage. Kein Hinweis auf Homosexualität, keine Feste, Mister Roley hatte unauffällig in seinem Haus gelebt. Er hatte keinen Hund zum Ausführen, alles was sich auf seinem Grundstück bewegt hatte war sein Bentley gewesen mit dem er wegfuhr oder zurückkam.
Mrs. Daniels seine Haushälterin, konnte auch nichts hinzufügen was Licht in den Tod von Mister Roley hätte bringen können. Sie war zweimal in der Woche zum Putzen gekommen und hatte sich um den Rasen gekümmert. Nein, von einer Beziehung von Mister Roley zu einer anderen Person war ihr nichts bekannt, daß hätte ihr auffallen müssen, immerhin kam sie seit vier Jahren regelmäßig in das Haus.
Und sonst ?
"Mister Roley hat mit mir nie viel gesprochen, er hat immer pünktlich bezahlt und war mit meiner Arbeit zufrieden."
Vielleicht konnte ein Photo mehr Auskunft über Mister Roley geben. Mrs. Daniels, Mrs. Woolbridge und der Portier hatten sich für eine von mehreren Aufnahmen übereinstimmend entschieden. Es waren nicht viele Bilder im Haus gefunden worden, aber dieses eine schien Mister Roley so zu zeigen wie er zuletzt ausgesehen hatte. Er stand neben seinem Bentley, im Hintergrund war ein leerer Strand und dahinter das Meer. Es hätte jeder Strand und jedes Meer sein können, irgendwo an der Ostküste, vielleicht im Süden oder westlich am Pazifischen Ozean. Auf jeden Fall ein Fleck der nicht überlaufen war. Mit wem war Mister Roley an einen menschenleeren Strand gefahren ? Oder auch nicht ? Er allein, der Apparat auf einem Stativ, mit einem Selbstauslöser fotografiert ? Eine genaue Aussage war nicht möglich. Im Haus war ein Stativ gefunden worden und die beiden Frauen konnten nur sagen: "Ja, Mister Roley hatte vor vier Monaten Urlaub gemacht." Näher hatte er sich dazu nicht geäußert.
Er schien kaum jemanden gekannt zu haben. Es war die Presse, die die Öffentlichkeit mit ihm beschäftigte. Und die Polizei. Natürlich, es war ein Fall für sie. Es war ein Fall für sich.
Mister Roley lag zum Zeitpunkt als man sich mit ihm zu beschäftigen begann in der gerichtsmedizinischen Pathologie. Das fehlende Gesicht wurde durch das Photo ersetzt. Zu dem Rest den man von ihm gefunden hatte war es nicht besonders schmeichelhaft. Er sah irgendwie zu früh aus dem Ei geschlüpft aus. Sein Schädel wirkte eher abstoßend, hoch, glänzend, mit einigen häßlichen Falten. Herausragend war die Vorderglatze, obwohl er war erst zweiundvierzig gewesen. Sein übriges Äußere als man ihn gefunden hatte, entsprach dem gehobenen Anspruch. Der Anzug, die Schuhe, die Uhr, selbst die Unterwäsche waren kein billiges Zeug gewesen. Die Ermittlung ergab, er war kein Kind reicher Eltern gewesen. Beide Söhne hatten sich zeitig von der Familie gelöst. Sein Bruder Stewart führte ein Leben als Lebensmittelkaufmann im Norden nachdem er seine Frau kennengelernt hatte und in das Geschäft eingeheiratet hatte. Völlig unauffällig, drei Jahre Militärdienst in Vietnam, und danach nie mehr in den Akten in irgendeiner Form aufgetaucht.
Mister William Roley, das war nicht schwer herauszubekommen war dienstuntauglich gewesen. Schon bei der Musterung hatte er angefangen zu heulen. Hypersensibel, unberechenbar, war in dem Militärgutachten vermerkt worden, daher untauglich.
Sein Bruder hatte ihn zum letzten Mal bei der Beerdigung ihres Vaters gesehen, der sechs Wochen nach dem Tod seiner Frau gestorben war. Aber das lag schon so lange zurück.
Irgendwer hatte William Roley auf den Gedanken gebracht es mit Immobilien zu versuchen. Seine ersten Anzeigen in den Zeitungen waren überschrieben gewesen: ´Ich bin Ihr Rettungsanker.` Er hatte damit begonnen Wohnungen, die schon zum Abbruch bereitstanden kurzfristig zu vermieten. Dann hatte er selber Grundstücke gekauft und Häuser gebaut. Nach acht Jahren besaß er bereits ein Vermögen.
Feinde ? Wenn man schon keine Freunde besitzt, heißt das noch lange nicht das man anderen Menschen aus dem Weg geht.
Sein Bruder gab zu Protokoll: "Ich war der Ältere. Wir waren nur zwei Jahre auseinander. Er hat immer schnell angefangen zu weinen. Ich glaube er fing damit an, als er sah wie unser Vater mich häufig schlug. Wenn mich der erste Hieb traf, unser Vater nahm seinen Gürtel, dann fing er gleich an zu weinen. Unsere Mutter hatte immer nur hilflos zugesehen. Wir haben häufig Schläge bekommen. Ich habe erst immer geschrien wenn ich es nicht mehr aushalten konnte. Mein Bruder fing schon vorher an. Es genügte wenn unser Vater seinen Gürtel aus der Hose zog."
Nachdem William Roley das elfte Grundstück erworben hatte, war er in das Enterprisebuilding gezogen. Sein Büro füllte sich mit Papierkram, so wie es eben ist wenn man erfolgreich ist. Zum Glück hatte er Mrs. Woolbridge.
"War Mister Roley ein hilfsbereiter Mensch ?"
Mrs. Woolbridge nickte : "Ich glaube ja."

Ich traf William Roley unterwegs, das heißt, ich war ebenso wie er schon einige Tage tot. Nicht das ich mich darüber beklagen möchte. Es ist einfach so, man kann, darf oder will nicht mehr, verläßt seinen Körper, ist unterwegs, trifft einige Leute und keiner nimmt uns wahr. Wir gammeln noch vierzig Tage herum, einfach so ohne Anstrengung. Wir lachen das uns kein Fremder hört und wir sprechen ohne das uns jemand versteht. William stand vor mir in der Reihe. Er war versucht aber ich sagte: "Dreh dich nicht um."
"Kann ich trotzdem reden ?"
"Du wirst es müssen", raunte ich ihm zu.
"Es waren drei. Eine schlug mit einem Eisenstab auf mich ein, die Andere gab mir den Stoß. Es kam so unverhofft. Dann war meine Tasche weg und das Auto fuhr an."
"Hattest du Schmerzen ?"
"Nein."
"Was willst du mehr", sagte ich.
"Und was geschieht jetzt ?"
"Entspann dich, denke mal darüber nach, es wird dir wieder einfallen. Wenn du denkst du bist das erste Mal hier, dann irrst du dich, außerdem ermittelt die Polizei."
"Wird es herauskommen ? Ich meine, warum sie es getan haben ?"
"Na klar, da gibt es nichts zu verbergen und ob die Polizei weiterkommt kann dir egal sein, verstehst du ? Es geht jetzt nur darum ob du wieder zurück mußt."
Er schien nervös zu werden. Er trat von einer Wolke auf die andere wie man hier sagt. Die Schlange in der wir standen bewegte sich langsam voran. Weil er vor mir ging, mußte er auch vor mir an den Spiegel. Ich blieb seitlich stehen Ich konnte ihm über die Schulter blicken. Sein Gesicht wartete bereits auf ihn. Sein Mund blickte aufgerissen wie ein offenes Fischmaul und seine Augen starrten, schmal und eng wie ein Paar zugeschnürter Schuhe. Über den Falten erhob sich der vorderglatzige Schädel. Ob er gut aussah oder nicht war hier nicht die Frage. Es entschied sich an den Adjektiven die ihm entgegenblickten. Gierig, gerissen, feige. Er versuchte zu lächeln. Zu seiner Verteidigung sagte er:" Ich hasse die Menschen, besonders die unfähig sind Geld zu verdienen. Was ich brauchte konnte ich mir kaufen oder nehmen, je nachdem wie schwach die Anderen waren. Ich bin stolz darauf."
Es liegt an der Atmosphäre hier das man keine Ausflüchte sucht.
Seine Worte verschwammen im Spiegel. Sein nackter Körper schimmerte aus dem Glas. Im Hintergrund war das Enterprisebuilding zu sehen. William Roley stand in seinem Büro. Er beugte sich über eine Frau. Er hielt in der Hand einen Gürtel. Er hob seinen Arm und schlug der Frau auf den nackten Körper. Anstelle von Worten drang Keuchen aus seinem Mund. Durch eine Wand hindurch war Mrs. Woolbridge zu erkennen. Sie sortierte Quittungen. William Roley schlug noch mal zu. Als er abließ fragte die Frau : " Bekomme ich die Wohnung ?"
So war er gewesen. Es war für ihn nicht schwer neue Opfer zu finden. Sie kamen in sein Büro. Die Bearbeitungsgebühr war vorher zu entrichten gewesen.
In jener Nacht hatte er den Frauen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die eine Frau hatte von vorn zugeschlagen, ihre Schwester hatte hinter dem Steuer gesessen. Die Mutter der beiden hatte William Roley von hinten den Stoß verpaßt bevor der Wagen anfuhr. Eilig hatte sie das Wort ´ZORN´ auf den Bürgersteig gesprüht. Die Ermittlungen der Polizei blieben ohne Ergebnis.
Ich hörte ihn noch sagen :"Muß das sein ?", dann sah ich ihn hinter der Tür für Wiedergeburten verschwinden.
Als ich vor den Spiegel trat, war Roley bereits für mich in der Vergangenheit verschwunden. Ich blickte eine Weile in das Glas bis eine Schrift aufleuchtete und mir mitteilte: "Sie bleiben in der Zukunft hier." Ich atmete auf und erfüllte mir einen letzten Wunsch.
Also schrieb ich meinem Verleger. "Mein Lieber, ich habe zu tief ins Glas geschaut. Erinnern Sie sich nicht ? Über das wie, will ich kein Wort verlieren. Bitte bedrängen Sie mich nicht. Lassen Sie mich in Ruhe."

27.3.07 23:44

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen