Marseille

von

Uwe Kampmann


Hafenstädte gibt es viele, verbunden mit Sehnsucht und Heimweh, Bombay, Honkong, Rio, Shanghai, oder Hamburg, jedoch ist keine so geheimnisvoll umwittert wie Marseille.


Es gibt sie einfach, so wie sie ist. Nichts scheint hier von Bedeutung zu sein. Massalia, der Name ist geblieben und sonst kaum etwas von dem was gewesen war. Keine Relikte aus der Zeit der griechischen Niederlassung, lediglich ein paar Steine aus der Römerzeit, Grundmauern die man vor der Post ausgegraben hat, inzwischen vielleicht zu einer Tiefgarage umgebaut. Man ist hier so. Man redet viel und vergißt schnell.
Was wiederkehrt ist der Mistral und der harte Akzent der Bewohner dieser Stadt wenn sie reden, und sie reden viel und schnell, so schnell wie sie vergessen.
Was liegen bleibt ist der Schmutz in den krummen Gassen. Nicht irgendwo, - überall, der Ruf des Geheimnissvollen, inmitten einer Architektur die keine Architektur erkennen läßt. Der lebendigste Friedhof der Welt, eine Stadt die ihre Geschichte immer in sich selbst begraben hat. Kaum ein sichbarer Hinweis der vergangenen Kulturen, nur der Name ist erhalten geblieben, Marseille.
Die Schiffe kommen und verlassen den großen Hafen, kaum das jemand bleibt der hier nicht geboren wurde. Sie kommen zu Tausenden, die Matrosen aus aller Welt, und sie gehen wieder zurück in die Welt.
Das Tor zum Orient, ein Tor das man sowenig sieht wie die Geschichte dieser Stadt und doch genügt ein Blick sie zu erkennen.
Die Tristess ihrer Häßlichkeit, die Glut ihrer Mittagssonne, der verborgene Reichtum und die ins Gesicht springende Armut.
Alles was ihren Ruf ausmacht, man kann es überall antreffen.
Ihr Ruf, - so gnadenlos wie der Einfall des Architekten der großen Kathedrale. Die Kirche gegenüber das Kommissariat der Polizei, hinterläßt den Eindruck, im heftigen Rausch eines zu starken Messwein gezeugt worden zu sein.
Die monumentale Treppe vom Bahnhof Staint Charles hinunter in die Stadt endet am Boulevard d´Athenes, zu den Füßen der kleinen Schieber und Nepper. Eine Schautreppe der Armut.
Ein Stück weiter, über dem Hafen die Notre Dame de la Garde als goldenes Medallion, für den der von See kommt. Marseille.
Wer hier herkommt flieht oder bleibt.
Der Geruch des Hafens, die verwegenen Gesichter, ihr Lachen, nichts ist verlorengegangen seitdem die Stadt ihren Namen bekam.
Am Alten Hafen und entlang der Corniche, die Bouillabaisse, diese bekannte Fischsuppe. Selbst sie ist ein Geheimnis dieser Stadt. Die Köche streiten sich heute noch um die Rezeptur. Ich wette, sie ist so alt wie der Hafen. Ein Rest aus übrig gebliebenem Fisch. Es riecht nach Salz, Öl, Knoblauch, Zwiebeln, nach provencalischen Kräutern, Thymian liegt in der Luft, Lorbeer und Safran, im Sud aus Weißwein, Fischköpfen und Gräten. Mehr als sieben verschiedene Fischarten müssen in dieser Suppe ihre Kiemen geschlossen halten. Die Frage ob zwischen dem Drachenkopffisch, dem Meeraal, dem Petersfisch ein Hummer in den Meereseintopf gehört, entzweit bis heute die Köche der Stadt. Über Fenchel, frisches Gemüse und Lauch ist man sich einig. Ein Rotwein zur Bouillabaisse, ich glaube die Köche würden die Polizei rufen. Ein Verbrechen für dieser Stadt.
Schnecken ? Ja, die gibt es, selbst dort wo Chlochardes verkehren. Ja, man kann hier zugreifen, laut schlürfen, im Quartier d`Belsunce eine Flasche Bandol bestellen und dafür Gelächter ernten. Hier wo kaum jemand regelmäßige Arbeit besitzt. Die verkniffenen Gesichter versüßen sich den schwarzen Tabak mit einer Priese Kiff, aus der Tür von nebenan. Einer der angenehmsten Düfte der Stadt, am Rand stehen die Raffenerien und Fabriken.
In der Avenue du Prado die aufgemotzten Villen, bevor es raus in die Hügel geht, ansonsten bleibt es zwischen dem Meer und dem Himmel grau und alt. Nicht alt genug um das wahre Alter zu erkennen aber alt genug um zu sehen das der Hauch der Jugend verweht ist, so wie die grauen Fassaden des berüchtigten Gefängnis "Les Beaumet" nicht mehr weiß sind.
Armenier, Juden, Araber, Legionäre durchziehen die Stadt. Es war so und wird so sein.
Der Nepp beginnt für den Ankommenden in den Restaurants am Boulevard d´Athenes. In der Rue Thubaneau, wenige Schritte weiter stehen die Frauen im Hafen von Marseille. Rund um die Uhr, zusammengewürfelt aus allen Kontinenten.
Was zu regeln ist wird ohne Polizei geregelt. Wer den Preis akzeptiert ist hier sicherer als im Krankenhaus.
Mürbe Gesichter, abgetragene Hosen, in den engen Gassen laute Musik, Maghreb und tiefes Afrika, umgeben vom schrillen Lachen der Huren. Aufdringliche Händler, Schmuck in den Händen, Teppiche über den Armen,- oder irgendwo verborgen, Drogen.
Kommt die Polizei, dann nie allein, wenigstens zu viert mit zwei Hunden. Meistens wenn sie kommen sind es dreihundert, um Ärger zu machen. Irgendwo zwischen dem Gare Routière, dem Arc de Triomphe, der Kirche Saint Théodore und der Rue de Domainicain.
Sie werden immer wieder kommen und doch nichts verändern können.
Massalia, alte Stadt, durchwebt von unzähligen Kulturen. Die deutschen Truppen konnten ihr nicht mehr anhaben als einen schlechten Eindruck zu hinterlassen.
Die Brise vom Meer treibt den Geruch durch die Straßen. Die Canebière mit ihren Cafés entfernt sich vom Alten Hafen. Nachts pißt eine alte Frau auf das Pflaster und ein Mann leert aus der Flasche den letzten Tropfen.
In den Gassen wird gelacht und gehandelt.
Die Fischer gehen in der Dunkelheit zu ihren kleinen Booten im Alten Hafen. Sie schlagen ihre Kragen hoch und sagen : "Der Mistral ist in der Stadt."
Das Rhone Delta liegt um die Ecke. Der Fallwind kommt jedes Jahr. Man kann sich stundenlang über ihn unterhalten und dann vergessen bis er wiederkommt. Ich schätze, niemand kennt die Stadt besser als der Mistral.

28.3.07 01:42

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