Der Mann der zur Beerdigung ging - american stories -

von


Uwe Kampmann

Arthur besaß ein Beerdigungsinstitut in Santa Fe. Im Gegensatz zu seinem Kundenstamm besaß er eine gesunde Gesichtsfarbe, ansonsten war er so unaufdringlich wie ein Toter den man vergessen hatte. Er sprach nicht viel. Worüber sollte er reden ? Seine Kunden kamen erst zu ihm wenn sie es nicht mehr konnten und die Hinterbliebenen waren mit sich selbst beschäftigt. Hin und wider berührte es ihn wenn er ein Kind einzusargen hatte. Vor den Selbstmördern ekelte er sich, besonders vor denen die sich erhängt hatten, denen die Zunge aus dem Hals hing und deren Augen aus den Höhlen quollen. Sein Geschäft florierte. Er konnte es sich leisten, auf die zu verzichten , die man vom Pflaster abkratzen mußte und bei denen man nicht mehr wußte was einmal der Kopf gewesen war.
Er und Clarissa waren sich nähergekommen und hatten geheiratet. Ihr Hochzeitstag war ihr Kündigungstermin bei der Bank gewesen. Sie hatte damit nicht nur ihren Job aufgegeben, sondern auch ihr Lächeln. Es war ein typisches Bankschalterlächeln gewesen. Von da an, regelte sie den Haushalt und nebenher die Finanzen im Geschäft.
Arthur ließ sich von einer Fabrik beliefern. Seine Arbeit war es, die Toten zu waschen, sie anzuziehen, ihnen ein rosiges Make up aufzulegen und die letzte Fahrt zum Friedhof zu organisieren, vielleicht den Deckel noch mal öffnen, für ein Photo. Das berechnete er extra, wie es keinen Handgriff gab, den er sich nicht bezahlen ließ.
Überwältigende Gefühle kannte er nicht. Sein Gesicht war nüchtern und leidend. Er sagte sich, die Menschen kommen und gehen. Wenn er Clarissa ansah, dachte er, :`Drei Tage tot im Schaukelstuhl und ich könnte dich nicht mehr riechen`, auch wenn er sagte: "Ich liebe dich." Sie waren fast vier Jahre verheiratet. Ihre Ehe war kinderlos geblieben.
Vor zwei Jahren hatte Arthur gemerkt, wie er Clarissa zu hassen begann, wenn sie ihm morgens die Milch in den Kaffee goß, den Zucker gab, den Löffel von seiner Untertasse nahm und seinen Kaffee umrührte. Seinen Kaffee. Verdammt, er wollte nicht immer Kaffee mit Milch und Zucker trinken. Er traute es sich nicht zu sagen. Er litt jeden Tag. Beim Frühstück, wenn sie den Kaffeelöffel von seiner Untertasse nahm, mittags wenn sie ihm das Fleisch auf seinem Teller zerlegte und am Abend wenn sie sagte was in der Kasse war. Kurz vor dem vierten Hochzeitstag fand sein Leiden ein Ende. Er grub seine Hände in Clarissas Hals und legte sie einem alten Mann auf den Bauch.
Zur Beerdigung war außer Arthur und den Friedhofsarbeitern nur ein entfernter Verwandter des alten Mannes gekommen. Arthur hatte es übernommen, einige Worte über die Erlösung zu sprechen.
Er gab das Geschäft in Santa Fe auf und zog nach Wichita Falls. Er eröffnete ein neues Beerdigungsinstitut und war froh wieder allein zu leben.
Ein halbes Jahr später, nachdem er nach Wichita Falls gezogen war, wurde er verhaftet. Es hatte in Santa Fe den Verdacht gegeben, daß eine Krankenschwester, einen Teil ihrer anvertrauten, todkranken Patienten aus Mitleid getötet hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte den alten Mann exhumieren lassen, dabei hatte man Clarissa gefunden. Arthur hatte nicht geleugnet. Seit zwei Jahren wartet er auf seine Hinrichtung im Staatsgefängnis von Huntsville. Er trinkt seinen Kaffee wie er ihn bekommt. Es scheint ihn nicht zu stören.


PS: "Der Mann der zur Beerdigung ging", wird 1992 im Programm des Bayerischen Rundfunk 2 in der Sonntagsbeilage gesendet. Das Copyright liegt bei dem Parvati Verlag.


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29.3.07 23:04

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