Der Pianomann - american stories -

von

Uwe Kampmann

Dem Guten, dem Wahren, dem Schönen

Musik und andere Drogen


Sein dürrer Hals ragte aus einem schwarzen Rollkragenpullover hervor und sein Haar war schüttern. Er hockte auf einem Schemel, seine Schultern fielen nach vorn. Er hob den Kopf. Er schaute zur Seite und unsere Blicke trafen sich. Seine Augen blickten über faltige Tränensäcke hinweg. Seine Lippen quollen wulstig, fast fett aus dem hageren Gesicht mit der überlangen Nase. Sein Gesicht wirkte im trüben Licht der Funzel wie ein Sarg, einsam, blaß, fahl und still. Im Gegensatz dazu schienen seine Hände ein Eigenleben zu führen.
Seine Finger hüpften, blieben in der Luft hängen, glitten zu den Seiten, fanden zurück so als tanzten sie der traurigen Gestalt der sie gehörten etwas vor. Sie erzählten Geschichten, vom Fluß, von Trauer, von Liebe, der Sehnsucht, des Verlangens und der Einsamkeit. Ich hörte zu, und die anderen hörten zu. Sein Blick wanderte gelegentlich hinüber zur Bar. Ich wippte mit den Füßen.
Er war alt. Ich war alt. Das Mobiliar war alt. Der Barmann war alt und wenn ich das restliche Publikum anblickte so war ich der Jüngste.
Das Licht war schummrig und das Bier wurde in Flaschen serviert. Ein Wink genügte und man bekam was man wollte, ebenso wie es genügte eine Karte vorzuzeigen um hier Eintritt zu finden.
Am Tisch neben der Tür saßen zwei Frauen der Nacht. Hier wurde jeder in Ruhe gelassen. Man konnte sich um diese Uhrzeit kaum etwas besseres gönnen als hier zu sitzen und dem Pianisten zu lauschen.
Die Atmosphäre war eigenartig. Immer wenn ich kam, dachte ich es ist hier anders als anders wo.
Die Gesichter, die Körper, aufgedunsene und hagere Luftsäcke, gefüllt mit Knochen, durchmischt mit einigen Prozent Alkohol. Das wichtigste Sinnesorgan in dieser dunstigen Luft, war das Gehör, ohne es, wäre das hier, ein verlorener Ort gewesen.
Jede Note, die Art wie er sie anschlug, so verspielt wie die Blüte ewige Jugend, selbst das Verklingen des Vorangegangenen war ein Prozeß des nie enden wollenden Lebens. Die trüben Funzeln, die rauchgeschwängerte Luft und die Abgeschiedenheit in den Gesichtern, es war Vibration, so intim und nahe, so wie der Tod und das Leben zusammengehören, es war einfach mehr, es war die Geburt zu erleben.
Die Drinks des dankbaren Publikums für den Pianisten, schrieb der Barmann auf eine Schiefertafel an der Wand neben dem Flaschenregal. Ich zählte, neun Whiskey, zwölf Bier, drei Wodka, zwei Cognac und sieben Fragezeichen.
Jeder wußte wer bis nach vier Uhr blieb, der Pianist würde nicht vor vier Uhr morgens anfangen zu trinken. Dann blieb ihm noch eine Stunde, bis um fünf der Strom abgeschaltet wurde, und die Eingangstür zum Ausstieg zurück in die Welt wurde, die außerhalb dieses Raumes lag.
So saß er einsam vor dem Klavier. Vor ihm im Aschenbecher qualmte eine Zigarette. Noch eine Stunde, eine weitere würde ihm bleiben um dieser Nacht zu entrinnen.
Morgen, beziehungsweise heute, in einigen Stunden werde ich abreisen. Ich stand auf, ging zum Piano, beugte mich zu ihm und sagte leise :"Sie sollen niemals in Ihrem Leben denken, es hätte Ihnen niemals einer eine Chance gegeben." Dann drehte ich mich um, legte hundert Dollar und meine Clubkarte auf den Tresen, wartete auf das Wechselgeld, schob die Scheine zurück und sagte :"Für den Rest Mineralwasser für den Mann am Klavier." Ich tat es in der Hoffnung , er würde mich nie vergessen.
Als ich aus der Tür trat, hörte ich hinter mir die einsetzenden Klänge von `Stars and stripes´. Danach stand ich im trüben Grau des frühen Morgen, ging nach rechts entlang und bog um die Ecke.
Straßenkehrer waren dabei lautstark die Mülltonnen zu leeren. Eine andere Kolonne fegte den Bürgersteig. Ich wich dem Wasserstrahl des Autos der Stadtreinigung aus.
Ich überlegte mir was ich tun könnte, jetzt um diese Uhrzeit, es war zu spät um schlafen zu gehen. Ich griff in meine Jackentasche, holte eine Zigarette hervor und warf die leere Schachtel auf den Bürgersteig.
"Hey Mann, machen Sie keinen Dreck hier !", schrie mich einer der Männer an. Er mußte laut schreien um den Lärm des Müllautos zu übertönen.
Seither habe ich es geschafft. Es war nicht schwer. Ich rauche schon lange nicht mehr.

29.3.07 23:14

Werbung


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


lucydance / Website (27.2.08 11:27)
I have been in Network Marketing for about 15 years. I have NEVER seen such a total opportunity where almost everyone who takes a look wants to join. People just see the magic in this program

check it out by going to..

work at home online

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen