Eine Strassenrandgeschichte

von

Uwe Kampmann

Alles war ein großes Durcheinander. Das Gewirr der Stimmen, das Hupen der Autos, die Stockungen auf den Bürgersteigen, die neugierigen Blicke, die näher drängende Masse Mensch, die unterschiedlichen Gesichter, widerliche, erschrockene, freundliche, anteilnehmende, fragende Mienen .
Es war ein plötzlicher Eindruck gewesen. Das Quietschen der Bremsen. Ich hatte noch den Stoß gespürt, daran erinnern konnte ich mich jetzt nicht mehr. Ein Stück zur Seite geschleudert, liegengeblieben so wie ich jetzt lag, die Stimmen hörte, die Geräusche wahrnahm, mit aufgerissenen Augen in die Gesichter blickte und hörte wie jemand sagte :" Er atmet", dann hörte ich das Wort : "Polizei", ein anderer sagte: "Krankenwagen."
Ich hatte das schon ein dutzend Mal gehört.
Ich lag hier und wartete. Schmerzen hatte ich keine. Die Hände die nach mir griffen spürte ich nicht. Eine Decke wurde nach vorne gereicht und über mir ausgebreitet. Ich hatte nichts dagegen, mir war kalt geworden. Nur mein Gesicht blieb frei. Ich fühlte mich leicht und spürte den zunehmenden Abstand meiner Wahrnehmungen meiner Umgebung gegenüber. Die Zeit nahm ich empfindsam wahr. Die Sekunden waren von unendlicher Dauer ohne das es mich störte. Irgendwann würde etwas geschehen, weitergehen oder vorbei sein. Die mich umgaben würden wieder in Bewegung geraten, auf den Weg nach Hause, zur Arbeit oder zu irgendeinem Vergnügen. Ihren Familien, ihren Arbeitskollegen oder Freunden würden sie erzählen mir begegnet zu sein.. Morgen würden aufmerksame, neugierige Augen in den Zeitungen nach mir suchen. Wer war das ? Wie ging es weiter ? Übermorgen schon würde ich vergessen sein.
Meine Gedanken erschienen mir klar wie selten. Unklar blieb vorerst, konnte ich mich noch bewegen ? Was ich spüren konnte war mein Kopf auf dem Hals. Bewegungslosigkeit war mir genausowenig angeboren wie die Fähigkeit zu fliegen. Ich begann mich davor zu fürchten abgeholt zu werden, in irgendeines der Hospitäler. Der Gedanke erschreckte mich mehr als das was geschehen war. Die Frage warum ich, tat ich einfach mit der Antwort ab, warum ich nicht, - trotzdem, ich verlangte nicht nach mehr. Bis hierher hatte es mir genügt. Hier könnte es enden. Es wäre o.k. Ich hörte sie näher kommen, die Sirenen, sie kamen näher und näher, und näher und immer näher bis ich wußte sie meinten mich. Für die anderen um mich herum war es ein Tag wie jeder andere, genauso für den Arzt und die Sanitäter. Meine Gedanken gerieten in einen Taumel als ich sah wie sie nach mir griffen und ich sie nicht spürte. Ich wurde getragen und hörte das Zuschlagen der Türen und auch das Geräusch der Beatmungsmaschine. Dann war es totenstill. Ich war froh.


*

4.4.07 07:05

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen